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Kolumne „Diese Woche" : „Die Stadt hat es nicht leicht“: Wie der NDR auf Neumünster schaut

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Courier-Redakteur Thorsten Geil hat in dieser Woche täglich das “Schleswig-Holstein-Magazin“ geschaut - und war entsetzt.

von
erstellt am 08.Aug.2015 | 10:00 Uhr

Neumünster | Was haben wir uns drauf gefreut! Das erfolgreichste Regionalmagazin im deutschen Fernsehen zeigt eine Woche jeden Abend einen längeren Beitrag über Neumünster. Gestern Abend lief nun endlich die letzte Folge, und viele Neumünsteraner fragen sich: Womit haben wir es verdient, dass der NDR uns im Schleswig-Holstein-Magazin so schlecht macht?

Dabei ließ schon der erste Satz in der Pressemitteilung des NDR nichts Gutes erhoffen, denn der Staatsfunk pries seine fünfteilige „Neumünster-Serie“ so an: „Die Stadt hat es nicht leicht.“ Es folgten die üblichen Aufzählungen und Klischees (viele Arbeitslose und Hartz-IV-Empfänger, hohe Kriminalitätsrate etc). Und genau so hat der NDR dann auch auf unsere Stadt geschaut.

Die ersten drei Folgen spielten allesamt im Vicelinviertel – als wenn diese Gegend mit ihren Problemen symbolisch für ganz Neumünster stehen könnte. Zwei Jungs stromerten da am Montag durch das Viertel, das offenbar ausschließlich aus leer stehenden Häusern zu bestehen scheint. Die Trostlosigkeit liegt über dem Viertel wie über Hiroshima. Der offenbar versöhnlich gemeinte Schlusssatz (die beiden Jungs leben nämlich gern da) kann auch so verstanden werden: „Es ist gruselig da, und den Menschen gefällt’s auch noch.“

Der zweite Teil kann nur besser werden, denkt der Zuschauer – und landet am Dienstag in einem türkischen Frisiersalon mit einer Menge Hoffnungslosigkeit. Aber am Mittwoch geht es bestimmt an den Einfelder See, in ein schönes Viertel, in das Caspar-von-Saldern-Haus? Fehlanzeige. Vermutlich hatte das NDR-Team einen guten Parkplatz im Vicelinviertel gefunden und ist der Einfachheit halber dort geblieben; es besuchte nämlich die Kita Zwergenland. Hier scheint es nur Rabeneltern zu geben, wenn man dem Bericht glaubt. „Wie der Kreis der Armut durchbrochen werden kann“ (Originaltext NDR), zeigen dann – in einer kruden Argumentationskette – die Kita-Verfassung und das Kinderparlament des Zwergenlands.

Am Donnerstag wurde dann eine türkischstämmige Neumünsteranerin vorgestellt, die als junges Mädchen nur weg wollte, aber nun zurückgekommen ist und ein schickes Café betreibt (Achtung: nicht im Vicelinviertel). Die Frau muss herhalten für die NDR-These der angeblich massenhaften Abwanderung von jungen, gut ausgebildeten Menschen aus Neumünster und über deren Geisteshaltung („hier passiert doch eh nichts“). Zum Glück ist sie ja wieder gekommen. Dieser vierte Beitrag hatte aber zumindest die erste positive Grundhaltung.

Der letzte Beitrag gestern sollte dann wohl so etwas wie Versöhnung sein, denn Neumünster wurde als kulturell bedeutsamer Ort vorgestellt, in dem sich viel gewandelt habe. Immerhin.

Jeder einzelne Beitrag war aufwändig und handwerklich gut produziert. Die Personen und Konzepte waren es wert, im Fernsehen vorgestellt zu werden. Aber der NDR hat einen unverzeihlichen Fehler gemacht: Er hat schlampig recherchiert und sich an uralten Klischees orientiert. Leerstand und soziale Brennpunkte findet man in jeder Stadt. Aber irgendjemand im NDR-Funkhaus hat sich offenbar in eine Idee verliebt und aus dem Auge verloren, dass der Blickwinkel nicht stimmt, wenn man das ganze dann als „Neumünster-Serie“ verkauft.

Denn unter dem Titel erwartet jeder Zuschauer, dass darin Neumünster porträtiert wird. Und genau das ist nicht geglückt. Hat denn in Kiel niemand etwas von steigenden Beschäftigtenzahlen, einem ausgeglichenen Haushalt, dem größten Messestandort des Landes, von steigenden Übernachtungszahlen, dem Kunstflecken, dem Zentrum der beruflichen Bildung, von DOC, Stahlwerk und ECE gehört? Von der unglaublichen Leistung, die die Neumünsteraner mit der Flüchtlingsunterkunft erbringen?

Einen besonderen Anlass gab es für die Serie übrigens nicht. „Wir wollten Neumünster mal ins rechte Licht rücken“, sagt die Redaktion. Na, vielen Dank.

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