Neumünster : Die späte Rache an den Nazis

Die „Mircrophone Mafia“ (Joram Bejarano, links, und Kutlu Yurtseven) geht mit Esther Bejarano auf Tour.
Die „Mircrophone Mafia“ (Joram Bejarano, links, und Kutlu Yurtseven) geht mit Esther Bejarano auf Tour.

Dank der Musik hat Esther Bejarano (92) den Holocaust überlebt. Davon sang und erzählte sie mit den Rappern der „Microphone Mafia“ im Statt-Theater.

shz.de von
14. November 2017, 12:00 Uhr

Neumünster | Musik hat ihr das Leben gerettet, und mit Hilfe von Musik berichtet sie nun über ihre Zeit im Vernichtungslager Auschwitz: Esther Bejarano (92) tourt seit zehn Jahren mit den Rappern der „Microphone Mafia“ durch Deutschland und machte jetzt auch Halt im Statt-Theater am Haart. Eingeladen hatte der „Runde Tisch für Toleranz und Demokratie“ anlässlich der Reichspogromnacht von 1938, die sich am 9. November zum 79. Mal jährte.

140 Besucher waren gekommen, um den Auftritt der Jüdin Esther Bejarano zu sehen, die im Mädchenorchester von Auschwitz gespielt hatte und nur deswegen überleben durfte. Die Hamburgerin hat einen modernen Weg gewählt, um gegen das Vergessen anzugehen. Sie hat sich mit den zwei Rappern der Kölner Kultband zusammengetan und singt mit ihnen in verschiedenen Sprachen Lieder von Bertolt Brecht, vom Widerstand und selbstgetextete Stücke. „Es ist ihre späte Rache an den Nazis“, sagte Kutlu Yurtseven (44), Rapper und Lehrer mit türkischen Wurzeln. Während er rappte oder mit Esther Bejarano sang, spielte ihr Sohn Joram Bejarano die E-Gitarre.

Doch vorab las die unglaublich kraftvoll wirkende Dame aus ihrem Buch „Erinnerungen. Vom Mädchenorchester in Auschwitz zur Rap-Band gegen Rechts“. Mit klarer Stimme erzählte sie vom Transport im Viehwagen, wie sie am 20. April 1943 in Birkenau ankam, von Typhus und Keuchhusten, Angst und schwerer Arbeit. Und wie sie sich das Akkordeonspielen selbst beibrachte und damit ins Mädchenorchester aufgenommen wurde.

„Wir mussten Musik machen für die, die ins Gas gingen. Es war eine schreckliche psychische Belastung“, erinnerte sich Esther Bejarano, die damals 18 Jahre alt war. Ganz zart wirkte die 1924 in Saarlouis geboren Frau wenig später zwischen den beiden Männern, als sie sich für das Konzert erhob. Herzlich-scherzhaft war der Ton zwischen den Dreien sowie dem Publikum. „Der Widerstand braucht ein Lachen im Gesicht, nur so gewinnt man Leute“, meinte Kutlu Yurtseven.

Es war ein zutiefst beeindruckender Auftritt, musikalisch mitreißend, abwechslungsreich, berührend und auch lustig. Das Publikum bedankte sich mit stehendem Applaus. „Ich finde Esther Bejarano faszinierend. Ich bewundere, dass sie die Erinnerung wach hält“, sagte Michaela Schulz, die aus Rendsburg gekommen war.

Zur Einstimmung auf die „Microphone Mafia“ traten die „Dirty Dozen“ auf, eine Gruppe von Schülern der Musikschule unter der Leitung von Stefan Back. Die neun Musiker ließen Widerstandslieder wieder aufleben, zu denen Esther Bejarano kräftig mitwippte.

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