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Lokales Bündnis für Familien : „Die redet so komisch, gucken Sie doch mal!“

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Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Das Lokale Bündnis für Familien will Kindern von psychisch kranken Eltern mehr Gehör verschaffen. Helfer stellen sich am 18. Juni im KIN vor.

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erstellt am 04.Jun.2015 | 16:00 Uhr

Neumünster | Das Lokale Bündnis für Familien organisiert für den 18. Juni im Lebensmittelinstitut KIN an der Wasbeker Straße einen öffentlichen Thementag zum schweren Los von Kindern mit psychisch kranken Elternteilen. Im Vorfeld der Tagung stellt der Courier beispielhaft Einrichtungen vor, die sich mit der stark tabuisierten Problematik befassen und Hilfe anbieten. Heute: der Sozialpsychiatrische Dienst im Gesundheitsamt.

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Der erste Hinweis kommt aus ganz unterschiedlichen Richtungen. Mal ist es die Kita, mal die Schule, mal der Nachbar, ein Arbeitskollege oder ein aufmerksamer Verwandter: „Die redet immer so komisch . . . Gucken Sie doch mal!“ Im Sozialpsychiatrischen Dienst der Stadt nimmt man solche Hinweise ernst und recherchiert dann vorsichtig gegen. War es nur ein Missverständnis oder gab es tatsächlich einen versteckten Hilferuf, einen Hinweis auf eine seelische Krise, eine psychiatrische Störung? Im Zweifel suchen die Fachleute die Betroffenen auf, um sich selbst ein Bild zu machen. Die Mitarbeiter des Dienstes, ein Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie, eine Fachkrankenschwester für Psychiatrie, eine Diplom-Pädagogin und ein Diplom-Sozialpädagoge verstehen sich dabei als Helfer, die möglichst gemeinsam mit den Betroffenen nach einer Lösung suchen wollen, wie Fachkrankenschwester Isolde Fobian unterstreicht. „Wir bieten Beratungsgespräche an und vermitteln in bestehende Hilfen.“ Dennoch ist der erste Kontakt nicht immer einfach. Der Sozialpsychiatrische Dienst arbeitet auf Basis des PsychKG, des Gesetzes zur Hilfe und Unterbringung psychisch kranker Menschen, und ist damit verpflichtet, notfalls auch zu Zwangsmaßnahmen zu greifen, zum Beispiel wenn die Betroffenen sich selbst oder andere gefährden. Die Aussicht auf eine Zwangseinweisung löst aber nicht selten Abwehrhaltungen aus. Die „Selbstmelder“ sind daher eher die Minderheit.

Ist der Erstkontakt dagegen erst einmal hergestellt, wird der Sozialpsychiatrische Dienst leichter als Helfer in einer schwierigen Lebensphase akzeptiert. „Wir haben viele langfristige Kontakte zu Betroffenen und Angehörigen, die sich von sich aus melden, wenn es ihnen oder ihren Angehörigen wieder mal schlechter geht“, sagt Isolde Fobian. Da wachse dann auch Vertrauen.

Was auch Insider wie Fachärzte und Sozialdienste oft nicht wissen: Der sozialpsychiatrische Dienst ist ausschließlich für erwachsene Menschen ab 18 Jahren zuständig.

Dass deren Mitarbeiter Kinder gleichwohl nicht links liegen lassen, wenn sie in den Familien auf Menschen mit psychischen Störungen treffen, versteht sich von selbst. In der Regel kümmert sich der Allgemeine Soziale Dienst (ASD) der Stadt dann um die Frage, ob und wie die Kinder versorgt werden. Geht es um die bloße Versorgung der Kleineren ist das der leichtere Fall. Schwieriger wird bei den Größeren. Denn seelische Krisen von Erwachsenen haben fast immer auch psychische Auswirkungen auf die Kinder, zumindest dann, wenn die schon spüren oder verstehen können, dass mit Mama oder Papa „etwas nicht stimmt“. Ängste, Schuldgefühle, und massive Überforderung, etwa durch die erzwungene Übernahme der Elternrolle (Versorgung von Geschwistern, Haushaltsmanagement etc.) können dann zu einer schweren Belastung oder im Extremfall zu einem viel zu frühen Sterben der Kindheit führen und ihrerseits seelische Störungen auslösen, die die Betroffenen ihr Leben lang begleiten.

Um das zu verhindern, arbeitet der Sozialpsychiatrische Dienst unter anderem auch mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie des FEK zusammen. Sie hilft Familien mit Kindern und Jugendlichen bis zum 18. Lebensjahr, wenn sie sich psychisch belastet fühlen. Wesentlicher Baustein für schwierige Fälle ist dabei die Tagesklinik „Sterntaler“, eine teilstationäre Einrichtung für Familien und Kinder mit psychischen Problemen. Hier werden Kinder zwischen 5 und zwölf Jahren aufgenommen, wenn die ambulanten Behandlungsmöglichkeiten nicht ausreichen.

„Wir müssen nicht alle Kinder von betroffenen Eltern behandeln, aber wir sollten immer einen Blick auf sie haben“, fordert die leitende Ärztin Christin Frehse. „Die Kinder tragen immer das Päckchen der Eltern mit.“

Das lässt sich auch statistisch belegen: Rund ein Drittel bis zur Hälfte aller Kinder in stationärer kinder- und jugendpsychatrischer Behandlung, so schätzen Experten, haben auch ein Elternteil mit psychiatrischer Störung.

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Der Thementag zum Thema Kinder psychisch kranker Eltern am 18. Juni versteht sich sowohl als Informationsbörse für alle, die sich besser informieren wollen, als auch als Forum für engagierte Helfer, Lehrer, Erzieher und Nachbarschaftshilfen, die sich vorstellen oder mit anderen Helfern vernetzen möchten. Wer sich auf dem Thementag selbst mit einbringen möchte, kann unter Tel. 942-2557 mit Jörg Asmussen vom Fachdienst Frühkindliche Bildung der Stadt Kontakt aufnehmen.

Morgen: So hilft das Beratungszentrum Mittelholstein.

 

Das lokale Bündnis für Familien ist ein  Zusammenschluss aus Vertretern von Ratsparteien und Verwaltung, der sich seit 2006  mit gezielten Aktionen und Projekten bemüht, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern, das Miteinander der Generationen zu fördern und die Familien in ihren verschiedenen Erscheinungsformen zu stärken. So hat das Bündnis unter anderem zuletzt die Qualität von Neumünsteraner Schulmensen auf den Prüfstand gestellt, Übergewicht bei Schulkindern problematisiert, für mehr  Familienfreundlichkeit in  Betrieben  geworben oder familienfördernde Bürgerinitiativen öffentlich ausgezeichnet.

Gesteuert wird das Lokale Bündnis von einer Lenkungsgruppe. Neben Vertretern der Jugend- und Sozialbehörden gehören ihr derzeit als Parteienvertreter  Dietrich Mohr (SPD), Sandra Weiß (CDU), Gabriele Plambeck (Grüne) und Diana Scholz (FDP) an. Den Vorsitz hat Sozialdezernent Günter Humpe-Waßmuth.


 

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