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Holsteinischer Courier

20. August 2017 | 08:05 Uhr

Kurden-Konflikt : Die Pistole war nicht legal

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Schon wenige Tage nach den Schüssen auf dem Großflecken schloss die Polizei politische Motive aus.

Neumünster | Schon wenige Tage nach den Schüssen auf dem Großflecken schloss die Polizei politische Motive aus. Am Freitag, 8. September 1995, nahmen Polizei und Staatsanwaltschaft in einer Pressekonferenz detailliert Stellung. Vorausgegangen waren akribische Ermittlungsarbeiten, bei denen die Neumünsteraner Polizei von Kollegen aus den umliegenden Polizeiinspektionen unterstützt wurde.

Das erste Ergebnis der Arbeit lautete: „Für politische Hintergründe gibt es keine Hinweise. Der Täter ist bisher unauffällig und fast bürgerlich gewesen“, erklärte Staatsanwalt Alfred Riemann damals den zahlreichen Journalisten seinen Eindruck von dem jungen Heizungsbauer. Auf irgendein politisches Interesse sei man bei ihm nicht gestoßen. Hingegen habe das spätere Opfer, der Kurde Seyfetin Kalan (28), der kurdischen Arbeiterpartei PKK nahegestanden. Nach Angaben seiner Freunde war er anerkannter Asylbewerber und arbeitete an einem Döner-Stand am Bahnhof. „Er ist aus der Türkei geflohen und wird hier von einem Türken erschossen“, sagte eine junge Kurdin bestürzt.

Aus Sicht der Ermittler gab es an diesem Sonntagabend keinen Angriff von Kurden auf Türken oder umgekehrt. Vielmehr seien die Parteien eher zufällig vor dem Kochlöffel-Grill aufeinander getroffen. Nach Auffassung der Ermittler gehörten Täter und Opfer zwei Jugendcliquen an, die sich seit Langem anfeindeten. Die Tatwaffe, eine Beretta 7,65, stammte laut Polizei aller Wahrscheinlichkeit nach vom Schwarzmarkt – die Registriernummer war ausgekratzt.

Mit der offiziellen Darstellung waren viele Beteiligte damals keineswegs einverstanden. Aus türkischen Kreisen hieß es, ihre Landsleute seien von Kurden aus dem Auto gezerrt worden und hätten sich nur gewehrt.

Insbesondere für die Kurden blieben die Todesschüsse vom 3. September 1995 eine politisch motivierte Tat. In den Tagen nach den tödlichen Schüssen machten PKK-nahe Kreise neo-faschistische Organisationen aus der Türkei für den Tod von Seyfetin Kalan verantwortlich. Auf Flugblättern war von einem „Höhepunkt des Terrors der ‚Grauen Wölfe‘ gegen Kurden“ die Rede. „Seyfetin starb infolge eines Angriffs türkischer Faschisten“, hieß es.

Zwei Tage nach den Schüssen kamen 70 Kurden am Nachmittag zu einem Trauermarsch zusammen. Gemeinsam zogen sie vom Kurdischen Kulturzentrum an der Kieler Straße zum Großflecken und hielten eine Mahnwache ab. Dabei schlugen sie politische Töne an. In Sprechchören bekannten sich die Teilnehmer zur verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK, kritisierten deutsche Waffenlieferungen an die Türkei und verurteilten die Türkei als Terrorregime. Die Mahnwache blieb bis zum Wochenende am Tatort bestehen – bis zur Großdemonstration der Kurden am Sonnabend.

 

 

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erstellt am 03.Sep.2015 | 12:00 Uhr

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