Die Mutter von "Dschungelkind" Sabine wohnt mitten in Neumünster

25 Jahre lang lebte Doris Kuegler bei den Fayu im Dschungel Neuguineas. Ihre Wohnung in Neumünster birgt viele Erinnerungen.
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25 Jahre lang lebte Doris Kuegler bei den Fayu im Dschungel Neuguineas. Ihre Wohnung in Neumünster birgt viele Erinnerungen.

Nach dem verfilmten Bestseller ihrer Tochter Sabine veröffentlichte jetzt auch Doris Kuegler ihr erstes Buch unter dem Titel "Dschungeljahre"

shz.de von
26. März 2011, 06:57 Uhr

NEUMÜNSTER | Ein offener Karton mit 50 Exemplaren ihres Buches "Dschungeljahre" steht in ihrem Arbeitszimmer. "Die muss ich noch signieren", sagt Doris Kuegler (69). Ihr Erstlingswerk wurde im Januar veröffentlicht. "Jetzt erscheint die dritte Auflage", erzählt die Autorin ein wenig stolz. In ihrem Buch erzählt sie über ihr Zusammenleben vor mehr als 25 Jahren mit dem Volk der Fayu im Dschungel Neuguineas, das bis dahin keinen Kontakt zur Außenwelt gehabt hatte.

Doris Kuegler wohnt seit einem Jahr in Neumünster. Sie ist die Mutter von Sabine Kuegler, dem berühmten "Dschungelkind". Sabine Kueglers Bestseller über die eigene Kindheit und Jugend wurde jüngst verfilmt und läuft seit Februar bundesweit in den Kinos.

Doris Kuegler stammt aus dem Sauerland. Sie wandte sich als Jugendliche dem christlichen Glauben zu und entschied sich früh, einer missionarischen Aufgabe nachzugehen. Nach einer Krankenschwesterausbildung sowie einer theologischen und sprachwissenschaftlichen Ausbildung ging sie als 30-Jährige mit Ehemann Klaus-Peter und Tochter Judith für die internationale Organisation Wycliff Bible Translators - Wycliff Bibelübersetzer - zunächst nach Nepal zum Stamm der Danuwar Rai.

"Das Studium der Sprache des Stammes, Lesen und Schreiben zu lehren, Bibelübersetzung und medizinische Arbeit waren unsere Aufgaben", erklärt Doris Kuegler. In Nepal kamen auch ihre beiden Kinder Sabine und Christian zur Welt. Aus politischen Gründen musste Familie Kuegler das Land am Himalaya nach fünf Jahren wieder verlassen.

"Unsere Entwicklungsarbeit setzten wir in Indonesien fort", erzählt Doris Kuegler. "Am Tag unseres Aufbruchs aus Deutschland - am 24. April 1977 - wurde der bis dahin unbekannte Stamm der Fayu in West-Papua, dem indonesischen Teil der Insel Neuguinea, entdeckt." Zunächst lebte die Familie in der Stadt Abepura, um die indonesische Sprache zu erlernen. Klaus-Peter Kuegler brach mit Begleitern zu den Fayu tief in den Dschungel auf. Nach über einem Jahr konnte Doris Kuegler mit ihren drei Kindern nachkommen.

"Zwischen dem Stamm und uns bestand von Anfang an eine enge Freundschaft", erinnert sie sich. "Der Stamm hatte ein schweres Leben mit viel Not, vielen Ängsten und Gefahren, beispielsweise bei der Krokodiljagd. Als Werkzeuge wurden Steinäxte, als Waffen Pfeil und Bogen benutzt." Die Männer wurden selten älter als 35 Jahre, die Säuglingssterblichkeit lag bei 75 Prozent.

"Die Fayu haben uns um Hilfe gebeten, die bei ihnen herrschende Blutrache zu beenden. In ihrer Sprache gab es kein Wort für Entschuldigung", so Doris Kuegler. "Der Häuptling hat uns gezeigt, wo wir unsere Hütte bauen sollten: genau zwischen zwei verfeindeten Clans."

Die Kueglers lernten die Lebensgewohnheiten der Fayu kennen und mit Bedrohungen durch Insekten, Schlangen und Krokodile umzugehen. Sie tauschten Fischhaken, Messer und Taschenlampen gegen Nahrungsmittel, sie lehrten Hygiene, leisteten medizinische Arbeit, sorgten für Kleidung, zeigten den Fayu die Stadt und vermittelten den christlichen Glauben.

Klaus-Peter Kuegler schrieb die Sprache des Volkes auf. Doris Kuegler unterrichtete 30 Schüler, lehrte sie zunächst das Rechnen, später das Lesen und Schreiben. Doris Kuegler erzählt: "Die Schüler waren so begeistert, dass sie in kürzester Zeit ihre Hefte mit den neu gelernten Zahlen füllten. Ich habe dann das Schönschreiben eingeführt, damit die Hefte nicht so schnell voll wurden."

Die Fayu leben auch heute noch in traditioneller Weise im Dschungel, aber das Leben ist leichter geworden. Die Lebenserwartung hat sich verlängert, sie bauen Süßkartoffeln und Obst an, die Kinder lernen lesen und schreiben. Vom Raubbau an der Natur und von der Unterdrückung durch die indonesische Regierung allerdings sind auch die Fayu bedroht.

2006 kehrte Familie Kuegler nach Deutschland zurück, bezog zunächst ein Häuschen in Quickborn (Kreis Pinneberg) und übersiedelte später nach Bad Bramstedt. Nach der Trennung von ihrem Mann suchte sich Doris Kuegler eine eigene Wohnung in der Innenstadt von Neumünster. "Dschungelkind" Sabine lebt heute in München, Christian in Bad Bramstedt, Judith in North Carolina in den USA. Zu allen drei Kindern - und mittlerweile sechs Enkelkindern - pflegt Doris Kuegler einen sehr guten Kontakt.

Den Film "Dschungelkind" findet sie sehr authentisch. "Die Fayu sind aber im wahren Leben fröhlicher. Sie teilen alles miteinander, haben eine besondere Art, Trauer zu verarbeiten, sind in schwierigen Situationen sehr humorvoll. Eitelkeit ist ihnen völlig fremd. Sie sind sehr offen, Lügen gibt es nicht." Sie möchte irgendwann noch einmal zurück zu "ihren" Fayu, auch wenn ihr Neumünster und die freundlichen Menschen gut gefallen. Doris Kuegler ist selbst kreativ tätig, schreibt, vertont biblische Texte und lernt Englisch über eine Internet-Schule. Sie bedauert heute, dass sie nie einen Führerschein gemacht hat. Aber sie hat noch eine weitere Leidenschaft für sich entdeckt: "Vielleicht klappt das noch mit dem Skateboardfahren."

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