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Mädchen-Musikzug : Die Musikmädchen der ersten Stunde

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Ingrid Flohr trat 1961 als erste Musikerin in den MMN ein / Damals spielten die Mädchen in jedem Dorf und lernten Disziplin

Neumünster | Als die Aarhus Pigegarde aus Dänemark, ein rein weibliches Blasorchester, 1961 in den Holstenhallen auftrat, war das für Ingrid Flohr (14) ein magischer Moment. Sie marschierte noch während des Konzerts zu Neumünsters Stadtrat Eugen Lechner: „Warum haben wir so etwas nicht?“ Knapp einen Monat später hatte auch Neumünster sein erstes weibliches Blasorchester – und Ingrid Flohr war das Mädchen der ersten Stunde im Mädchen-Musikzug Neumünster, dem bis heute einzigen Mädchen-Blasorchester Deutschlands. Die heute 70-Jährige und Bärbel Pfau (72), die wenig später eintrat, sind Freundinnen geblieben. Sie haben die Zeit im Orchester in ihren Herzen bewahrt – und in Ordnern. Hunderte Fotos, Unterschriftenseiten, Andenken, Liederlisten und Plakate haben sie aufbewahrt. Jetzt organisieren sie ein Ehemaligentreffen.

„Eigentlich wollte ich gerne Saxofon spielen“, erinnert sich Bärbel Pfau. Sie kam aus einer musikalischen Familie. Ihre Mutter Gertrud Quiring war Betreuerin der Mädchen bis zur Amerikareise 1976, bei der der Mädchen-Musikzug auf der Steubenparade zur 200-Jahr-Feier der USA in Amerika auftrat. Ihr Vater Nikolaus war Musiklehrer. Auch Ingrid Flohr erlebte bei ihren Eltern Magda und Ernst viel Musik: „Ich bin in den Mädchen-Musikzug eingetreten, weil das immer meine Musik war.“ Die Bewerberinnen standen Schlange, aus der reinen Trommlergruppe wurde ein Orchester. Bärbel Pfau spielte Flöte, Ingrid Flohr Trommel und Trompete.

„Die Zeit war super, wir waren eine tolle Clique, haben aber auch viel Blödsinn gemacht“, erinnern sich die Zwei. Mit gut 70 Mädchen war der MMN zeitweise das größte Orchester der Stadt und wurde schnell zum Aushängeschild. „Die ersten Uniformen stiftete uns die Textilfabrik Hermann Marsian“, weiß Ingrid Flohr. Erinnerungsfotos zeigen viele Konzerte, zum Beispiel an einem Wochenende in Berlin („da gaben wir 14 Konzerte an zwei Tagen“). Sie schwärmen vom Großen Zapfenstreich in Bordesholm, von Konzerten in Malente, in Büdelsdorf, in Büsum an der Strandpromenade („es war so windig, da flogen uns die Noten weg“) und bei der Einweihung des Karstadt-Parkdecks in Neumünster am 30. Juli 1967: „Da standen Trauben von Menschen.“

1967 ging es nach Dänemark zum Besuch der Aarhus-Pigegarde; 1973 erfolgte der Gegenbesuch. Gemeinsam mit dem dänischen Orchester standen 110 Mädchen auf der Bühne in der Holstenhalle. Die Mädchen traten in der „Schaubude“ im Fernsehen auf, spielten auf der Trabrennbahn in Hamburg, lernten auch Stars wie Adi Münster kennen und nahmen in Hamburg-Eimsbüttel ihre erste Schallplatte auf.

Herbert Funke dirigierte das Orchester bis 1977: Er war ein prägender musikalischer Leiter. „Er war streng, aber reell, schneidig. Man musste vorspielen, und er hat auch gelobt, wenn man gut gespielt hat“, sagen die Zwei. Disziplin war angesagt, aber er war auch humorvoll und hat seine Späßchen gemacht. Das korrekte Marschieren wurde im Kinderferiendorf geübt. Dort entstand auch eines der ersten Postkartenmotive.

Bärbel Pfau verließ das Orchester nach den Regeln: Sie heiratete 1970 und musste gehen, schließlich durften nur Mädchen im Orchester spielen, keine Frauen. Ingrid Flohr blieb bis 1967 im Orchester, dann wanderte sie nach Australien aus – und machte zum 25-jährigen Bestehen des MMN Schlagzeilen: Sie flog extra zur Feier nach Neumünster. Ein Courier-Artikel vom September 1986 („In Australien eine neue Heimat gefunden – Beim Jubiläum Ehrengast in Neumünster“) erzählt ihre Geschichte, wie sie Lechner beim Konzert ansprach und zeigt sie als junge Musikantin, in Australien mit einem Koala auf dem Arm und im Kreise ehemaliger Mädchen mit Herbert Funke.

Den Artikel hält sie auch heute noch in Ehren. Darin wird sie zitiert: „Wir mussten in jedem Dorf spielen. Bei Wind und Wetter standen wir im Freien. Aber das hat uns auch zusammengeschweißt.“ Die Zeit im Orchester hat beide Frauen geprägt: „Das war ein wichtiger Teil unseres Lebens, es war vor allem die Gemeinschaft, das hat uns was fürs Leben mitgegeben. Es sind uns Tugenden wie zum Beispiel Disziplin vermittelt worden.“

Die ersten beiden Ehemaligentreffen der Ehemaligen, die zwischen 1962 und 1970 im Orchester waren, fanden 1987 und 1993 bei Bärbel Pfau statt. Das dritte Treffen ist für Sonnabend, 9. September, um 17 Uhr bei Bärbel Pfau in Padenstedt geplant. Bei ihr im Garten wird ein großes Zelt aufgestellt, es gibt Gegrilltes und Getränke. Bis zum 30. August können sich Ehemalige unter Tel.  8 35 96 (Anrufbeantworter) anmelden.

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erstellt am 12.Mai.2017 | 14:00 Uhr

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