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Holsteinischer Courier

13. Dezember 2017 | 20:30 Uhr

Ausstellung : Die Mär von der Spionage-Gruppe

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Schüler der Klaus-Groth-Schule erlebten bei der Führung durch die Ausstellung „Rote Kapelle“ im Rathaus eine besondere Geschichtsstunde

von
erstellt am 29.Jan.2016 | 12:30 Uhr

Neumünster | Eigentlich ist schon viel gesagt und geschrieben worden über die „Rote Kapelle“: Erst vor wenigen Jahren sorgte eine sechsteilige TV-Serie über die geheimnisumwitterte Widerstandsgruppe in der deutschen Öffentlichkeit für Aufsehen. „Die Serie ist wirklich spannend gemacht“, räumt Geertje Andresen ein, „nur habe sie mit der Wirklichkeit wenig zu tun“.

Gut 20 Schüler der Klaus-Groth- Schule hörten der versierten Historikerin gestern Vormittag im Rathaus aufmerksam zu. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Dr. Hans Coppi von dem Berliner Dokumentationszentrum „Topographie des Terrors“ erklärte sie den Oberstufenschülern des Geschichtsprofils die Personen, Schicksale und Hintergründe der „Roten Kapelle“ und erläuterte die heutige Bewertung der von den Nazis so unerbittlich verfolgten Widerstandsgruppe.

Die war nach Darstellung der beiden Historiker keineswegs die verschworene Gemeinschaft kommunistischer Agenten, als die sie sich nach dem Krieg – im Osten eher gefeiert, im Westen eher skeptisch begleitet – im öffentlichen Bewusstsein festsetzte. Vielmehr stellt sie sich aus heutiger Sicht als lockeres Netzwerk ganz unterschiedlicher Widerstandsgruppen dar, deren Mitglieder ganz unterschiedlichen Schichten mit ganz unterschiedlicher politischer Prägung entstammten. Was die überwiegend jungen Menschen der „Roten Kapelle“ verband, war ihre Ablehnung des Terrorregimes, das sie mit heimlich verteilten Flugblättern bekämpften. Zwar gab es auch Kontakte einzelner Gruppen in die sowjetische Botschaft – einige Widerstandszellen hofften, die Sowjetunion frühzeitig für eine Anti-Hitler-Koalition gewinnen zu können – von einem regelmäßigen Funkverkehr geheimdienstlicher Art könne aber keine Rede sein, unterstrichen die Historiker.

Vor Jahren wollte Coppi die geheimnisumwitterten Spionage-Informationen der „Roten Kapelle“ in Moskau auswerten, wurde von den Moskauer Historiker-Kollegen aber schnell ernüchtert: „Da gab es kaum etwas, nur einen Funkspruch meines Vaters ,Und 1000 Grüße an alle Freunde...’“

Dr. Hans Coppi ist der Sohn von Hans und Hilde Coppi, die nach der Aufdeckung der Gruppe 1942 hingerichtet wurden. Hans Coppi jun. war im Frauengefängnis zur Welt gekommen und wurde mit neun Monaten an seine Großmutter übergeben, wenige Tage, bevor das Todesurteil des Reichskriegsgerichts auch an seiner Mutter vollstreckt wurde. Ein Gnadengesuch in letzter Minute hatte Hitler persönlich abgelehnt.

Oft wird der Historiker auch von Schülern gefragt, ob sich der Widerstand seiner Eltern gelohnt habe. Coppi verweist dann auf ein Gespräch, das er vor Jahren mit einer KZ-Überlebenden geführt hat: „Weil es solche Menschen in Deutschland gab, fällt es mir heute leichter, in Deutschland zu leben.“

Die Geschichtsschüler der Klaus-Groth-Schule zeigten sich durchaus beeindruckt. Sie nahmen vor allem eine Erkenntnis mit: Dass auch Geschichtsschreibung mitunter – je nach politischen Interessen – unterschiedlich ausfallen kann, und deshalb immer wieder auf den Prüfstand gehört.

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