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Holsteinischer Courier

17. Oktober 2017 | 10:01 Uhr

Rickling : Die Kunst-Therapie wird ausgebaut

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Das Psychiatrische Zentrum in Rickling plant den Neubau eines Kunsthauses. „Kunst kann Sprachlosigkeit überwinden.“

shz.de von
erstellt am 23.Jan.2016 | 17:00 Uhr

Rickling | Sprache ist das gängigste Mittel, um in Kontakt mit der Welt zu sein und sich zu orientieren. Was aber tun, wenn die Sprache nicht mehr ausreicht? „Übers Malen kann man deutlich machen, was verbal nicht gelingt“, erklärt Nikolas Kahlke. Er ist der Leitende Chefarzt des Psychiatrischen Zentrums in Rickling, das seit über 30 Jahren auf die kurative Kraft von Kunst setzt.

Doch das „Maleratelier“, ein Haus, das allen rund 900 Patienten und Bewohnern zur kreativen Betätigung offen steht, Platz aus alles Nähten. Für 1,7 Millionen Euro soll ein 800 Quadratmeter großes Kunsthaus gebaut werden.

„Malen ist Heilung“, bringt es die Kunsttherapeutin Claudia Groß auf den Punkt. Aber nicht nur der Ausdruck über Farbe ist möglich. Im Musikraum stehen ein Flügel und eine Gitarre bereit, es kann getöpfert oder Holz bearbeitet werden. „Wir sind flexibel, was das Material und die Gestaltung angeht. Niemand muss etwas machen“, erklärt die Mitarbeiterin Lena Kjär. „Man besinnt sich auf sich selbst, findet Kraft und Ressourcen, kann eventuell Suchtdruck kompensieren oder ein neues Hobby entdecken. Außerdem durchbricht es Grübeleien,“ schildert die studierte Künstlerin die Bedeutung des Ateliers. Beeindruckende Werke hängen und stehen hier, teilweise mit erschreckenden Motiven, aber auch mit leuchtenden Farben. „Kunstwerke lassen nicht zwingend auf die Psyche schließen. Manchmal ist Schwarz einfach nur eine Lieblingsfarbe“, so Lena Kjär.

Ungefähr 30 Menschen kommen täglich, Männer und Frauen gleichermaßen. Eine Patientin bearbeitet in der Holzwerkstatt mit Hammer und Meißel einen Baumstumpf: „Ich mag Holz, für mein verstorbenes Kind habe ich ein Kreuz gemacht. Die Arbeit tut mir gut.“

Die Mitarbeiterin Christel Gobien konkretisiert: „Bei der Bearbeitung von Holz geht es auch um das Spüren des Widerstandes. Häufig sind die Menschen in ihr Tun vertieft und reden nicht miteinander. Dafür hört man dann ein rhythmisches Hämmern, das auch eine Form der Bindung ausdrückt.“ Das Kunst-Angebot kommt sehr gut an: „Wir platzen aus allen Nähten“, so die Pressesprecherin der Einrichtung, Sylvia Träbing-Butzmann. Deshalb und weil das Gebäude saniert werden muss, soll möglichst noch in diesem Jahr der erste Spatenstich für ein neues Kunsthaus auf dem Gelände erfolgen.

1,7 Millionen Euro kostet das über 800 Quadratmeter große Gebäude. Die wabenförmigen, mit sehr vielen Fenstern geplanten Räume sollen Platz für das Maleratelier, die Ergotherapie und das Materiallager bieten. Außerdem sind 200 Quadratmeter für Ausstellungen vorgesehen, die offen für jedermann sind. Finanziert wird das Projekt überwiegend aus Eigenmitteln, 120 000 Euro sind durch Spenden zusammen gekommen. Von einer nachhaltigen Wirkung ist Chefarzt Kahlke überzeugt: „Man kann bildlich Dinge tun, die im wirklichen Leben nicht gehen. Kaputtes kann neu aufgebaut werden.“ Das sei auch in der Arbeit mit Flüchtlingen wichtig, die Verlust und Zerstörung erlebt haben. Die Psychiatrie hat bereits seit mehreren Jahren eine eigene Abteilung für Migranten. „Wir haben dort zurzeit verstärkt Zuwachs, auch von Menschen, die gegen den IS gekämpft haben.“ Auch hier bringt der Chefarzt wieder die künstlerische Betätigung ins Spiel: „Kunst kann Sprachlosigkeit überwinden.“ 

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