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Holsteinischer Courier

21. August 2017 | 05:06 Uhr

Die hohe Kunst des Fabulierens

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Wladimir Kaminer unterhielt am Donnerstagabend 576 Gäste im ausverkauften Theater in der Stadthalle.

Neumünster | Wladimir Kaminer ist ein begnadeter Geschichtenerzähler. Das war nicht zu überhören. Am Donnerstagabend lieferte der gebürtige Russe den Beweis seiner Fabulierkunst vor 576 Gästen im ausverkauften Theater in der Stadthalle.

Der 49-Jährige geht mit offenen Augen durch die Welt. Was er für bemerkenswert hält, schreibt er auf. Kurz und bündig und voller Pointen und Wortwitz. Eine Mittelmeerkreuzfahrt inspiriert ihn schon mal, über seine russischen Landsleute nachzudenken, die sich in Griechenland als Sirtaki tanzende Gastarbeiter durchschlagen und jedem, den sie als Russen erkennen, ein Angebot machen: „Haben Sie Interesse an Pelzprodukten?“ Im Land der Götter sei ein Kampf der Kulturen ausgebrochen, meinte Kaminer lakonisch. Die Russen verkaufen Pelzprodukte, und die Ukrainer mimen als Götter verkleidet „Mars und Snickers“. Da könne man doch den Syrern das Sirtakitanzen überlassen, schlug er vor. Die Kreuzfahrtgäste bemerkten es eh nicht.

Wladimir Kaminer ist ein Menschenfreund. Seine Charakterstudien leben von Übertreibungen, niemals von Sarkasmus. Die Suche heutiger Schulabgänger nach einem geeigneten Job beschrieb der Vater zweier erwachsener Kinder als äußerst schwierig. „Heute gibt es keine Berufe mehr. Heute gibt es Beschäftigungen“, erklärte er dem amüsierten Publikum. „Irgendwas mit Bäumen oder Behinderten“, antwortete ihm eine Freundin seiner Tochter, auf die Frage nach ihrem Studienwunsch. „Sie meinte das ernst!“, Wladimir Kaminer kann da nur staunen.

„Meine Themen sind die Tragödien des Lebens“, erklärte der Wahlberliner sein Programm. Bei der Betrachtung sei es wichtig, ab und zu den Standort zu wechseln. „Von hinten sind viele Tragödien gar nicht tragisch“, sagte er. Unaufgeregt wie seine Betrachtungsweise, trug Kaminer seine Geschichten vor. Mal plauderte er über Gedanken, die ihm scheinbar spontan durch den Kopf gingen, dann wieder zitierte er aus einem seiner zahlreichen Bücher.

„Ich hatte mal einen Schrebergarten. Den ich dann aber wegen spontaner Vegetation verlassen musste“, beschrieb er sein gescheitertes „Leben im Schrebergarten“.

Wladimir Kaminers jüngstes Projekt ist seiner Mutter gewidmet. In „Meine Mutter, ihre Katze und der Staubsauger“ erzählt er von seiner lebenslustigen Mutter, die gern schwimmt, dabei aber nicht von der Stelle kommt, ihrer 15 Kilo schweren Katze Wassilissa, die „mehr Killermaschine als Haustier“ ist und dem sprechenden Staubsauger Wassili, der seine Mutter ebenso begeistert, wie Wladimir Kaminer seine Gäste am Donnerstagabend.

„Auf ein sonniges Leben in einem friedlichen, solidarischen Europa“, verabschiedete er sich nach zwei Stunden bester Unterhaltung.

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erstellt am 17.Dez.2016 | 07:00 Uhr

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