Theaterfestival : Die Heilige Johanna wird zur Kurdin Kahina

Starkes Spiel: Katharina Riepen als Johanna ist in Gewissensnot. Tim Kornprobst redet auf sie ein.
Starkes Spiel: Katharina Riepen als Johanna ist in Gewissensnot. Tim Kornprobst redet auf sie ein.

Jugendtheaterclub übertrug Schillers Klassiker gekonnt in die Gegenwart. Ein starkes Schauspielerteam setzt im Theater in der Stadthalle nur auf Licht und die eigene Ausdruckskraft

shz.de von
28. Mai 2015, 11:00 Uhr

Neumünster | Es war schwere Kost, die der Jugendtheaterclub Neumünster am Dienstagabend präsentierte. Die dritte Premiere im Schultheaterfestival begeisterte mit „Die Jungfrau von Orléans“ nach Friedrich Schiller rund 150 Besucher.

Die 17 Schauspieler überzeugten rundum, und sie hatten fast nichts zur Verfügung, außer ihrem Körper. Unter fast völligem Verzicht auf Requisiten bewegten sie sich stark und lebendig auf der Bühne. Eine wichtige Beigabe war das Licht, mit dem Ralf Hiller gekonnt die düsteren Stimmungen unterstrich.

Michael Müller, der als Theaterpädagoge am Deutschen Schauspielhaus Hamburg arbeitet, hat das Drama um die auserwählte Kriegerin in Frankreich des 15. Jahrhunderts auf etwa eine Stunde Spielzeit verdichtet. „Ich habe mich für diese Fassung zum einen der praktikablen Länge wegen entschieden, aber auch, weil hier wahre Geschichten schockieren und nicht eine aufgesetzte Dramaturgie“, erklärte Regisseur Maximilian Kornprobst.

Geschickt verwebt das Drama nämlich den historischen Lebenslauf der berühmten Französin Johanna von Orléans mit einem Schicksal aus heutiger Zeit. Die Kurdin Kahina kämpft für die Freiheit der kurdischen Frauen, nachdem ihr Dorf überfallen, die Männer getötet und die Frauen verschleppt und vergewaltigt worden waren.

Wie die später von der Kirche heilig gesprochene Johanna hatte auch Kahina Visionen von Engeln, die ihr befahlen, zu kämpfen. „Die Kämpferin Kahina gab es wirklich. Michael Müller hat Interviewausschnitte als Textgrundlage benutzt. Sie ist 2010 hingerichtet worden“, berichtete Kornprobst. Auch die historische Jeanne d’Arc, so ihr französischer Name, ist hingerichtet worden. Sie wurde im Alter von 19 Jahren verbrannt.
Das Drama setzt ein mit der Gefangennahme Johannas. Beginnend mit der Vision, sie werde Frankreich zum Sieg über England führen, darf dafür aber keinen Mann lieben, erzählt sie rückblickend ihr Schicksal.

Das ist ganz stark inszeniert: Auf einer schummerigen Bühne bewegen sich im uniformen Schwarz gekleidete Schauspieler zu wummernder Musik unter nebulös kalt-grünem Licht. „Ich wollte eine klaustrophobische Stimmung erzeugen, damit die innere Bedrängnis Johannes fühlbar wird“, erklärte der Regisseur.

Anfangs werden Szenenwechsel angekündigt, der Zuschauer wird informiert, ob Johanna oder Kahina auftritt. Das hilft, denn die Protagonistinnen werden von verschiedenen Schauspielerinnen gegeben. Schnell wird klar, dass das ein dramaturgisches Mittel ist: „Ich wollte zeigen, dass es jeden treffen kann. Zuerst wird jemand umjubelt und dann fallen gelassen“, erklärte Maximilian Kornpobst. Nach und nach rücken Früher und Heute, Mitteleuropa und Naher Osten, religiöse Motivationen immer enger zusammen und personalisieren sich in Johanna/Kahina. „Wichtig war mir, die Stärke der inneren Überzeugung zu zeigen, aber dann auch ihre Schwäche, wenn sie zweifelt“, erklärte eine der Johanna-Darstellerinnen, Katharina Riepen.

Zweifel am göttlichen Auftrag oder doch an einer gerechten Ordnung in der Welt kommen ihr, als sie sich in den Feind verliebt. „Ist Liebe denn Verrat?“, muss sich die Verurteilte fragen.

„Mir gefiel an dieser Aufführung besonders das Reduzierte. Außerdem war viel Bewegung auf der Bühne“, lobte Besucherin Anette Bargholz-Issa.


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