Die heile Welt in Trümmern

Überzeugender Auftritt: Natalie O’Hara (als Emily) und Patrick Khatami (als Amir).
Überzeugender Auftritt: Natalie O’Hara (als Emily) und Patrick Khatami (als Amir).

Beeindruckende Aufführung im Stadttheater

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10. März 2018, 12:00 Uhr

Am Donnerstagabend gastierte das Tournee-Theater „Thespiskarren“ mit dem Schauspiel „Geächtet“ von Ayad Akhtar in Neumünster. Das Publikum (450 Besucher, darunter viele Jugendliche) zeigte sich nach zwei Stunden engagierten Spiels sehr angetan und bedankte sich mit starkem Beifall bei den fünf Darstellern.

Ob „Geächtet“ nun ein Drama oder eine traurige Komödie mit einem gewissen Hang zum Boulevard ist, mag jeder Besucher für sich entscheiden. Theaterstücke, die versuchen, Zeitgeschichte „noch warm“ auf die Bühne zu bringen, haben gegenwärtig Konjunktur. Sie können eine Art Bestandsaufnahme sein und – wenn die Stücke gut sind – vor allem den Verstand und weniger die Emotionen wachrufen.

Nur Lösungen für unlösbare Konflikte in unruhigen Zeiten kann ein Theaterstück nicht bieten. Das kann auch das 2011 entstandene Schauspiel „Geächtet“, das 2013 in Amerika den Pulitzer-Preis erhielt und 2016 in Deutschland zum „Stück des Jahres“ gewählt wurde, nicht. Es konnte aber in der umsichtigen Regie von Karin Boyd berühren und aufregen, wütend machen und verwirren und Fragen über Fragen aufwerfen.

Für die zweistündige Auseinandersetzung mit ethischen, religiösen und zwischenmenschlichen Verhaltensweisen (von allem ein bisschen zu viel) wählte der Autor Ayad Akhtar (geb. 1970 in New York, mit pakistanischen Wurzeln) eine im Theater bewährte Personenkonstellation. Man nehme zwei wohl situierte Ehepaare, vollkommen unterschiedlich in ihrer Sozialisation, angeblich befreundet, die sich zu einem scheinbar harmlosen Abendessen in einem Luxus-Loft treffen. In „Geächtet“ (Disgraced) treffen aufeinander: 1. der auf der Karriereleiter schon ziemlich weit gekommene Rechtsanwalt Amir (mit Vorfahren aus Pakistan, vom Islam enttäuscht); 2. seine „weiße“ christliche Frau Emily (Natalie O’Hara passt in die Rolle), die in schwärmerischer Naivität die islamische Kunst bewundert; 3. der jüdische Kunst-Kurator Isaac (Markus Angenvorth), dessen Texte wie aus dem Museumskatalog klingen, und 4. dessen afro-amerikanische Frau, die Anwältin Jory (sehr frisch: Jillian Anthony), die Amir die Beteiligung an einer renommierten Kanzlei vor der Nase wegschnappt.

Es dauert nur wenige Minuten, bis offenbar wird, wie tief sich Ängste und Vorurteile bei diesen vier Menschen eingegraben haben und bis verbal (und auch körperlich) die Fetzen fliegen. Niemand kommt ohne Blessuren aus dieser „Zimmerschlacht“ heraus. Am härtesten trifft es Amir, dessen „amerikanischer Traum“ zu Bruch geht, was ihm aber auch die Möglichkeit gibt, sich selbst zu finden. Vielleicht hilft Amir bei dieser Selbstfindung sein Neffe Hussein (gut Mark Harvey Mühlemann), der am Ende des Stückes ein paar bedenkenswerte Wahrheiten ausspricht.

Ayad Akhtar fasst das so zusammen: „Ich dachte (beim Schreiben) an die Muslime, die immerzu beweisen wollen, dass man Vorurteile gegen sie hegt. Sie sagen so vehement ‚Ich bin nicht der, für den ihr mich haltet‘, dass sie gar nicht mehr darüber nachdenken, wer sie eigentlich sind.“ Amir war der Mittelpunkt des Stückes und Patrick Khatami spielte ihn großartig, faszinierte durch seine Intensität. Voller innerer und äußerer Spannung, sprachlich sehr nuanciert, immer hellwach trug er den Abend zum Erfolg. Bravo!

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