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Holsteinischer Courier

18. Dezember 2017 | 15:58 Uhr

Die Geschichte von Paul

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

von
erstellt am 27.Dez.2013 | 00:33 Uhr

Ich kenne Paul schon lange und kann seine Geschichte erst jetzt erzählen, weil sie bisher geheim bleiben musste. Es begann in der Spielzeugabteilung eines großen Kaufhauses in Berlin. Mein Mann und ich erwarteten unser erstes Enkelkind und suchten nach einem Spielzeug, das auch für ein ganz kleines Baby schon geeignet sein könnte, wenn auch zunächst nur zum Anschauen. Nach langem Suchen fanden wir eine Puppe aus weichem Nicki-Stoff in einem warmen intensiven Rot. Wir konnten damals noch nicht wissen, wie lange dieser kleine Wicht uns in Atem halten sollte.

Schon bald nach der Geburt des Babys war die rote Puppe ein Blickfang für den Kleinen. Aber bald schon wurde das Spielzeug benutzt und der Verschleiß setzte ein. Zuerst wurde nur darauf genuckelt, aber mit dem ersten Zahn kamen die ersten Löcher in den Plüsch. Als der kleine Junge sprechen lernte, bekam das Männlein den Namen Paul. Ohne ihn ging gar nichts, er musste immer dabei sein. Aber Paul sah bereits jämmerlich aus. Er war trotz aller Handarbeitskünste kosmetisch nicht mehr zu retten. Einen neuen Paul kaufen, einen ganz anderen, das war nicht denkbar. Da haben wir die Geschichte mit der Puppenklinik erfunden. Paul musste sich dort von Zeit zu Zeit aufhalten, um ein neues Outfit zu bekommen. Bei jeder Berlin-Reise wurde ein neuer Paul gekauft. So konnten wir bei entsprechendem Abnutzungsgrad des alten unserem Enkel einen fachmännisch heilgemachten Paul zurückgeben. Man kann sich vorstellen, dass Paul immer schneller an Substanz verlor, je mehr er bei einem heranwachsenden Jungen mitmachen musste. Dann kam der Tag, an dem wir unserem Enkel das Märchen mit dem Puppendoktor nicht mehr weismachen konnten und das auch nicht riskiert haben. Deshalb hat er jetzt noch einen ziemlich demolierten Paul. Es ist der Vierte.

Nummer 1 bis 3 liegen bei mir im Wäscheschrank, dazu noch die Nummer 5, original verpackt, vielleicht für ein Urenkelkind. Wir konnten ihm den nicht mehr glaubhaft unterjubeln. Nachkaufen kann man Paul nicht, er ist nicht mehr im Sortiment der Firma. Übrigens auch nicht bei E-bay, ich kann auch nicht glauben, dass man derart „kaputtgeliebte“ Pauls noch versteigern kann!

Übrigens, neulich haben seine Eltern ihm ihre einzige Lüge in seinem Leben, unsere gemeinsame Schummelei, gebeichtet.


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