Zahl der Bombenbastler steigt : Die geheime Welt der Hobby-Sprengmeister

Immer wenn die Polizei, wie hier in Wilster, ein Hobby-Sprengstoff-Labor ausfindig macht, rückt der Kampfmittelräumdienst an.  Foto: Rosenburg
Immer wenn die Polizei, wie hier in Wilster, ein Hobby-Sprengstoff-Labor ausfindig macht, rückt der Kampfmittelräumdienst an. Foto: Rosenburg

Die Kripo kämpft gegen "Hobby-Sprengmeister". Bundesweit hat die Szene 2500 Anhänger. Im Internet finden sie Zutaten und tauschen Rezepte aus.

shz.de von
13. Dezember 2012, 09:31 Uhr

Steinbergkirche | Nach dem Fund von Chemikalien und Sprengstoffen bei einem 18 Jahre alten Jugendlichen in Steinbergkirche (Kreis Schleswig-Flensburg) fahndet das Landeskriminalamt jetzt nach einem Mann, der sich "Xenonlord" nennt. Er war der Verkäufer verschiedener Substanzen, die für die Herstellung von Sprengstoffen verwendet werden können. Dazu nutzte er einen ganz normalen "eBay Shop", der allerdings seit geraumer Zeit von der Polizei überwacht wird - so kamen die Beamten dem jungen Käufer aus Steinbergkirche auf die Spur. Seine Pakete verschickte "Xenonlord", der auch Autoscheinwerfer im Sortiment hat, aus Polen.
Wer hinter "Xenonlord" steckt, wissen die Ermittler noch nicht. "Die Verpackungen mit der polnischen Adresse habe ich der Polizei übergeben", sagte der jugendliche Sprengstoff-Mixer dem sh:z. Die Familie erklärt zudem, das frei verkäufliche Wasserstoffperoxid für die Desinfektion des Terrariums genutzt zu haben. Doch Wasserstoffperoxid, so sagen die Ermittler, kann auch für die Herstellung von Sprengstoff verwendet werden - das planten zum Beispiel die Sauerland-Bomber. Außerdem hatten die Beamten sogenannte Initialsprengstoffe entdeckt, darunter HMTD und ETN. HMTD hat eine Detonationsgeschwindigkeit von fünf Kilometern pro Sekunde, ETN bringt es sogar auf acht Kilometer. Beide Stoffe sind extrem instabil und unterliegen dem Sprengstoffgesetz. Der Sohn erklärt: "Es waren drei bis vier Gramm HMTD und acht Gramm ETN, mehr wäre unverantwortlich gewesen."

"Ein männliches Phänomen"

Im Gespräch beweist er enormes Wissen über Explosivstoffe und ihre Gefahren. Es erübrigt sich beinahe zu fragen, woher er seine Kenntnisse hat. "Aus dem Internet, etwa aus einem Forum namens Xplosives", lautet die Antwort.
In Deutschland gibt es eine große, geheime Szene von jungen Menschen, die sich selbst "Hobby-Sprengmeister" nennen - und seit 2005 aus ihren Reihen regelmäßig den "Sprengmeister des Jahres" wählen. Sie führen eine interne Statistik, die besagt, dass es bundesweit etwa 2500 "Hobby-Sprengmeister" gibt. Acht Prozent seien unter 13 Jahre alt, 58 Prozent 13 bis 19 Jahre alt und 34 Prozent über 20 Jahre. Die Frauenquote betrage leider nur 0,6 Prozent. "Die Hobby-Sprengmeisterszene ist ein männliches Phänomen", sagt Roland Bialke (30), Mitbegründer der Szene. Der Sohn einer Lehrerin und eines Polizisten erlangte 2007 verstörende Popularität, als er eine Absperrung durchbrach und Angela Merkel ins Gesicht schlug. In der Szene der Sprengstoff-Mixer ist er bekannt, weil er 2008 "Das Lehrbuch der Sprengmeister" veröffentlicht hat. Untertitel: "Gesammeltes Wissen über Sprengstoffe aus der klandestinen Hobby-Sprengmeisterszene".

Verein "Sprengstoff e.V." - für den ganz privaten Handel

Bialke stand davor bereits vor Gericht, weil er Anleitungen zum Bau von Bomben über eigene Foren verbreitet hat. Urteil: Eine Bewährungsstrafe von einem Jahr. Stolz berichtet er in seinem Buch, wie er mit Verkauf von Zutaten für Schwarzpulver und andere pyrotechnischen Mischungen Geld verdiente: "Wir importierten das Kaliumnitrat direkt aus Haifa und verkauften das Kilogramm dann für 3,50 Euro." Der Jahresumsatz habe 100.000 Euro betragen. Die Masche fand Nachahmer - auch in Schleswig-Holstein.
So lagerte der Kieler Lehramtsstudent Ralf K. in seiner Wohnung 1,5 Tonnen Chemikalien zur Herstellung von hochexplosiven Sprengstoffen. Und Anleitungen über die richtigen Mischungsverhältnisse. Damit trieb er einen schwunghaften Handel, brachte jeden Tag Pakete zur Post. Als Polizisten 2005 seine Wohnung stürmten, warf der Student eine Festplatte aus dem Fenster. Darauf gespeichert: Die Namen von 1000 Kunden. Das war ein wichtiger Ansatzpunkt, der Polizisten bundesweit die Türen für Ermittlungen öffnete. Durch diese Repressionswelle seien alle Chemikalienhandel zusammen gebrochen, klagt Roland Bialke. Er gründete deshalb den Verein "Sprengstoff e.V." - für den ganz privaten Handel.
Weil die Polizei weiß, dass sie gegen das Internet kaum gewinnen kann, setzt sie in Schleswig-Holstein auf Prävention und hat das Projekt "Knall oder Katastrophe" geschaffen. LKA-Sprecherin Verena Kalus: "Wir schulen jedes Jahr Lehrer." Gemeinsam mit dem IQSH (Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein) werden Pädagogen fit für Unterrichtseinheiten zum Thema selbstgemixte Sprengstoffe und illegale Böller gemacht. Das soll die Schüler für die Gefahren sensibilisieren. "Das Projekt ist so erfolgreich, dass andere Bundesländer es nach unserem Vorbild ebenfalls umsetzen", so Kalus.

Hintergrund
Für viele Jugendliche ist es wie ein Sport: Sie mischen Chemikalien zu hochexplosiven Stoffen zusammen, filmen die Detonationen und stellen ihre Werke ins Internet. Die Zahl der Ermittlungsverfahren ist in Schleswig-Holstein in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. 2010 verfolgte das Kieler Landeskriminalamt (LKA) 69 Vergehen gegen das Sprengstoffgesetz, 2011 waren es bereits 80 Fälle. "Und die Tendenz für dieses Jahr zeigt eine deutliche Zunahme gegenüber 2011", sagt LKA-Sprecherin Verena Kalus. Die Täter seien relativ jung, meist 15 bis 25 Jahre alt, und männlich.

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