Krankenhaus : Die FEK-Notaufnahme hängt am Tropf

Das erste Glatteis des Jahres wurde dieser Patientin am Mittwoch zum Verhängnis. Sie brach sich den Arm. Henrik Schlüter, Leitender Oberarzt der Notaufnahme, begutachtet die Verletzung. Nach drei Stunden kann die Frau das Friedrich-Ebert-Krankenhaus wieder verlassen.
1 von 2
Das erste Glatteis des Jahres wurde dieser Patientin am Mittwoch zum Verhängnis. Sie brach sich den Arm. Henrik Schlüter, Leitender Oberarzt der Notaufnahme, begutachtet die Verletzung. Nach drei Stunden kann die Frau das Friedrich-Ebert-Krankenhaus wieder verlassen.

Die Patientenzahlen haben sich verdoppelt. Das Personal wurde zwar aufgestockt, aber das Haus kommt räumlich an die Grenzen. Lange Wartezeiten sind belastend.

Avatar_shz von
05. Dezember 2014, 12:00 Uhr

Neumünster | Es ging der alten Dame nicht gut. Schon lange war Emma Lehmann* (82) chronisch krank, brauchte unter anderem regelmäßig Blutkonserven. Als sich ihr Gesundheitszustand drastisch verschlechterte, brachte ihre Tochter sie in die zentrale Notaufnahme (ZNA) des Friedrich-Ebert-Krankenhauses (FEK). Was beide dort erlebten, treibt der Tochter die Tränen in die Augen: Fünf Stunden lang musste ihre betagte Mutter warten, zum Teil auf engstem Raum nur durch dünne Vorhänge von anderen Schwerstkranken getrennt. „In einer Ecke klebte noch Blut. Das Personal schuftete im Akkord“, erzählt die Tochter mit zitternder Stimme. Im FEK ist die Misere bekannt. Die Gründe sind vielfältig – und keineswegs ein lokales Problem. Bundesweit platzen in nahezu allen Krankenhäusern die Notaufnahmen aus allen Nähten. Der Courier hat sich die Situation vor Ort einmal angesehen.

„Wir laufen dem Ansturm immer wieder hinterher. Innerhalb von zehn Jahren hat sich die Zahl der ambulanten Notfälle verdoppelt“, sagt FEK-Geschäftsführer Alfred von Dollen. Die Gründe für die explodierenden Zahlen sind vielfältig. Zum einen kommen durch den demografischen Wandel vermehrt schwerstkranke Senioren zur akuten Behandlung. Zusätzlich haben viele jüngere Leute das Gespür für den eignen Gesundheitszustand verloren und kommen nachts mit Kleinigkeiten, mit denen Patienten vor zehn Jahren am nächsten Tag zum Hausarzt gegangen wären. Zunehmend spielt auch der Zeitfaktor eine Rolle. Immerhin wird eine Rundumdiagnostik vorgehalten, auf die Patienten bei niedergelassenen Fachärzten wochen- oder monatelang warten müssten. Und das kalkuliert mancher Patient offenbar längst ein.

„Die niedergelassenen Strukturen werden mehr und mehr umgangen“, sagt Henrik Schlüter, Leitender Oberarzt der Notaufnahme. Besonders ab Mittwochnachmittag und Freitagabend, wenn die Praxen in der Stadt geschlossen haben, geht der Ansturm los. Vor Brückentagen fürchtet sich Nicole Giese, Pflegeleitung der zentralen Notaufnahme, besonders: „Die sind der Horror.“ Der Leitende Oberarzt kann zahlreiche typische Fälle aus den vergangenen Tagen aufzählen. Da ist der junge Mann, der nach wochenlangen Beschwerden mitten in der Nacht mit einer nässenden Stelle im FEK auftaucht. Seine Begründung: „Hier komme ich schneller dran.“ Ein anderer Patient hat einen grippalen Infekt, aber kein Fieber. Weil er sich abgeschlagen fühlt, kommt er am Sonnabend gegen 22 Uhr in die Notfallambulanz. Um 2.45 Uhr kann er wieder gehen. Eine Frau mit Schulterschmerzen möchte nicht zum niedergelassenen Arzt, Henrik Schlüter führt ein längeres Gespräch mit ihr.

Abgewiesen wird grundsätzlich niemand. „Allein die Feststellung, dass kein Notfall vorliegt, ist aber eine ärztliche Leistung und bindet Ressourcen“, so Schlüter.

Bevor ein Patient einen Arzt sieht, macht in der Regel eine Pflegekraft eine spezielle Dringlichkeitseinschätzung. Anhand erster Symptome wird festgelegt, ob der Patient sofort, in rund 10 Minuten, 30, 90 oder 120 Minuten behandelt werden muss. Schwere Blutungen rangieren vor einfachen Rückenschmerzen. Kinder werden stets vorgezogen.

Die Einlieferung der Schwerstkranken bekommen all diejenigen, die das FEK aus eigener Kraft zu Fuß durch den Haupteingang erreichen, in der Regel gar nicht mit. Durch eine Glastür getrennt bringen Notarztwagen die schweren Fälle gleich in den hinteren Bereich der Abteilung. Vorne merken die leichter Erkrankten nur, dass sich die Wartezeit verlängert. „Dabei wird vielleicht gerade ein Leben gerettet und es geht um Sekunden“, sagt Nicole Giese.

Wer noch nicht ins Arztzimmer kommt, kann hinter gelben Vorhängen auf einer Liege warten – Patient an Patient. Nur getrennt durch ein Stück Stoff. Dort werden erste Voruntersuchungen gemacht, zum Beispiel Blut abgenommen oder ein EKG geschrieben. Die Geräte werden auf mobilen Wagen von einer verhängten Nische zur nächsten gefahren. Oft rennt das medizinische Personal vom Behandlungszimmer zum Wartebereich und zurück. Stets versuchen die Fachkräfte, die Patienten im Blick zu haben. Immer die Frage im Hinterkopf: Verschlechtert sich der Zustand? Muss doch schneller ein Arzt gerufen werden?

Hinter den Vorhängen bekommen die Patienten besonders zu den Stoßzeiten akustisch einiges mit. „Das sind dann auch Dinge, die man eigentlich gar nicht hören will“, weiß Nicole Giese. Doch die räumliche Not zwingt das Krankenhaus derzeit zu diesen unbefriedigenden Lösungen. Auch Emma Lehmann hatte während ihrer langen Wartezeit einst ein beängstigendes Erlebnis. „Nebenan wurde einer umgebettet. Der Vorhang beulte sich in Richtung meiner Mutter. Ich hielt krampfhaft den Schlauch mit der Salzlösung fest. Ich hatte Angst, dass er aus ihrem Arm gerissen wird“, erzählt die Tochter noch völlig erschüttert.

Gegen die räumliche Enge hat das FEK mittlerweile alle Register gezogen, die noch möglich waren. Die Verwaltung zog ins Schwesternwohnheim, um Räume für die Ambulanz zu schaffen. Wartebereiche wurden zu Behandlungsräumen, Büros auf ein Minimum reduziert. Außerdem wurde das Personal erst in diesem Jahr im ärztlichen und im Pflegedienst für 250 000 Euro aufgestockt. So wurde unter anderem der Spätdienst ausgeweitet.

Viel mehr ist zurzeit nicht drin. Geschäftsführer von Dollen rechnet vor: Pro Patient in der Notfallambulanz bekommt das FEK 32 Euro. Notwendig wären mindestens 90 Euro. Aber im Budget wird nur das Leistungsspektrum eines niederlassenen Arztes berücksichtigt. Unsere umfassende Diagnostik spielt dabei keine Rolle.

Letztendlich leidet das Personal ähnlich wie die Patienten unter der Akkord-Hilfe auf engstem Raum. „Viele wechseln mittlerweile schnell die Stelle“, bedauert die Pflegeleitung. Und das, obwohl sich die zahlreichen Beschwerden über die Ambulanz in der Regel auf die Wartezeiten beschränken. Ärzte und Pflegekräfte werden oft hoch gelobt. „Die waren so verständnisvoll und motiviert und haben sich ständig für die Umstände entschuldigt. Dabei können die doch nichts dafür“, berichtet auch Familie Lehmann dankbar.

Ein wenig Entlastung bekommen die Mitarbeiter der Notfallambulanz seit 2007 durch die Anlaufpraxis der Kassenärztliche Vereinigung (KV), die sich vor der Ambulanz im selben Flur befindet und zu den Stoßzeiten – zum Beispiel am Wochenende bis 22 Uhr – ebenfalls besetzt ist. Allerdings hat der Patient letztendlich die Wahl, wo er sich behandeln lässt.

Die alte Dame, die vorgestern vor der Tür stand und sich den schmerzenden Arm hielt, musste sich nicht entscheiden. Alle Praxen hatten Mittwochnachmittag dicht. Die KV-Anlaufpraxis war noch nicht geöffnet. „Ich wollte nur kurz den Müll wegbringen. Da bin ich auf Eis gestürzt“, sagt sie. Sie bekommt ein Schmerzmittel, der Arm wird geröntgt. Er ist gebrochen und muss gerichtet und gegipst werden. Die Patientin strahlt, als Henrik Schlüter ihr mitteilt, dass sie wohl um eine Operation herumkommt. Nach drei Stunden geht sie heim. Sie weiß nicht, dass sie nur eine von 85 Patienten in 24 Stunden ist. Auch ahnt sie nicht, dass es damit eher ruhig war. Gerade wird ein weinendes Mädchen im Rollstuhl durch den Flur geschoben. Ein Pfleger beruhigt einen dementen Patienten, der schon längst abgeholt werden sollte. Wenig später wird es erneut hektisch: Im Park wurde ein verwirrter Mann gefunden. „Entgleiste Diabetis“, so die nüchterne Diagnose. Auch er wird gerettet in dieser Nacht.

*Name von der Redaktion geändert

Das FEK und die Notaufnahme:

 Das Friedrich-Ebert-Krankenhaus (FEK) wurde am 1. Februar 1930 eröffnet. Am 14. September 1968 wurde der Grundstein für ein neues Krankenhaus auf dem gleichen Gelände gelegt.  Nach langen Vorplanungen wurde der Bau 1977 abgeschlossen.   Zurzeit stockt ein weiterer Neubau wegen finanzieller Engpässe.

  Die Zentrale Notaufnahme  (ZNA) des Friedrich-Ebert-Krankenhauses  ist rund um die Uhr an sieben Tagen der Woche geöffnet. 

 Zurzeit zählt die Notaufnahme 20000 Patienten pro Jahr, davon 5000 Kinder – Tendenz steigend. Damit hat sich die Zahl innerhalb von zehn Jahren verdoppelt.

 Fachärzte unter anderem aus der Inneren Medizin, der Chirurgie und der Neurologie/Psychiatrie sind ständig vor Ort. In Spitzenzeiten sind bis zu  drei Ärzte pro Fachrichtung anwesend.  Zu besonderen Ereignissen wie der Holstenköste oder Demonstrationen hält das Personal zusätzlich eine Rufbereitschaft vor.

 Das FEK macht mit der Notfallambulanz jährlich ein Minus von 1,2 Millionen Euro.

 In Spitzenzeiten werden bis zu 130 Notfälle in 24 Stunden behandelt.

Kommentar: Bitte nicht kaputt sparen!

Es ist durchaus zu verstehen, wenn Patienten nach elend langen Wartezeiten in der Notaufnahme die Geduld verlieren. Und es ist leider genau so gut nachvollziehbar, wenn Pflegekräfte und Ärzte nach kürzester Zeit im Dauereinsatz auf engstem Raum das Weite suchen und dieses Aufgabenfeld verlassen. Doch leider sind beide Reaktionen nicht zielführend.

 Vielmehr muss das Übel endlich bei den Wurzeln gepackt werden.  Das heißt: Der eine oder andere Patient sollte durchaus mal hinterfragen, ob er tatsächlich ein Fall für die Notaufnahme ist oder nicht vielleicht doch aus Bequemlichkeit oder unangebrachter Panik den Rundumservice der Klinik nutzt – auf Kosten anderer.  Gleichzeitig müssen sich aber auf jeden Fall die Ressourcen ändern.  Denn das motivierteste Personal kann wenig verbessern, wenn die Gegebenheiten nicht mehr stimmen.   Auf engstem Raum mit knappstem Budget funktioniert die beste Arbeit nur bedingt. Letztendlich ist es die Aufgabe der Gesellschaft, den Gesundheitssektor nicht kaputt zu sparen. Jeder sollte deshalb  bereit sein, seinen –  wenn vielleicht manchmal auch kleinen  – Teil dazu beizutragen. Denn es könnte jeder von uns die professionelle und schnelle Hilfe  einer Notaufnahme einmal dringend benötigen.

Den Neumünsteranern bleibt zurzeit im Vergleich zu vielen anderen Standorten wenigsten ein Hoffnungsschimmer. Denn der zweite Bauabschnitt steht für die Klinik noch aus. Darin enthalten wäre auch eine neue Notaufnahme. Möge sie nicht  ins Absurde gespart werden!

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen