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Boostedt : „Die Ereignisse überschlagen sich“

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Franz Strompen und Pastor Thomas Lemke vermissten auf der Einwohnerversammlung positive Nachrichten.

von
erstellt am 13.Okt.2015 | 10:00 Uhr

Boostedt | Das Telefon steht bei Bürgermeister Hartmut König (CDU)  nicht still. Nach der Einwohnerversammlung am Freitag haben viele  Boostedter Fragen zur  Erstaufnahmestelle auf dem Kasernen-Gelände.  850  Bürger     hatten in der Sigfried-Steffensen-Turnhalle Platz gefunden, viele   keinen Einlass mehr bekommen – und ein Teil hatte die Versammlung vorzeitig erbost verlassen (der Courier berichtete).   „Die Ereignisse überschlagen sich“, sagte König gestern und: „Es mangelt  an Informationen.“

Besonders die Aussage von Staatssekretärin Manuela Söller-Winkler, „das Boot ist noch lange nicht voll“, hatte für Unmut gesorgt. Statt der versprochenen 500 Menschen sind in Boostedt bereits bis zu  2000 Flüchtlinge untergebracht.  Allerdings  hat der Bürgermeister  festgestellt, dass viele Bürger sich nicht informiert haben und nun überrascht sind.  Kritik übt König auch an den 150 Boostedtern, die vor der Versammlung demonstriert und ihre  Ängste zum Ausdruck gebracht hatten:  Die  Demonstranten hätten nicht den Dialog gesucht.   Der Bürgermeister überlegt, ein Informationsblatt  zu verteilen.  Zunächst werde er einen Termin mit den  Fraktionen vereinbaren, um   das weitere Vorgehen zu beraten.

Für CDU und SPD in Boostedt ist klar: Die Flüchtlinge, die da sind und kommen, brauchen ein Dach über dem Kopf. „Das ist eine zutiefst humanitäre Aufgabe. Wir flankieren das“, erklärt Wolfgang Brückner, CDU-Fraktionssprecher. Aus seiner Sicht sind die Leute vorbildlich informiert worden. Die Größenordnung sei eine Herausforderung, und wer Vorbehalte habe, der solle sich melden. „Wir kümmern uns“, verspricht Brückner.   Auch der SPD-Fraktionssprecher Bernd Schauer nimmt die Sorgen der Boostedter ernst. Er warnt aber auch ausdrücklich davor, Ängste zu schüren. 

Die ehrenamtliche Hilfe geht derweil unermüdlich weiter. Franz Strompen ist der Vorsitzende des Vereins „Willkommen in Boostedt“, der den Flüchtlingen ehrenamtliche Hilfe leistet. „Das werden wir auch weiterhin tun. Ob es sich dabei um 500 oder 2000 Menschen handelt, ist uns gleich.“ Seiner Meinung nach entwickeln Menschen oft Ängste aufgrund von Unwissenheit. „Diese Menschen ändern ihre Meinung, sobald sie mit den Flüchtlingen Kontakt hatten.“ Franz Strompen wie auch Pastor Thomas Lemke vom Arbeitskreis  Flüchtlingspatenschaft bedauern, dass bei der Einwohnerversammlung kein Raum für positive Nachrichten war. „Der Zusammenhalt und die gemeinsame Arbeit für die Hilfesuchenden ist in Boostedt nach wie vor stark“, erklärt Thomas Lemke. Der Arbeitskreis plant unter anderem weitere Ausstellungen und eine Intensivierung des Kontakts zwischen Kirchenkreis und Kommune.

Kommentar von Susanne Otto

Informieren und Ruhe bewahren

 Unschöne Szenen gab es bei der Einwohnerversammlung in Boostedt – Zwischenrufe und  unangemessene Gesten. Dabei sollte es in erster Linie um Informationen  für die Boostedter gehen, die in ihrer kleinen 4500-Einwohner-Gemeinde  nun  entgegen aller Versprechungen zur Mindestgröße (500 Menschen) eine Erstaufnahme  mit 2000 Flüchtlingen mittragen. Statt Verständnis und Lob für die Boostedter oder   einen Plan, wie die Erstaufnahme im Land gerechter verteilt werden könnte, gab es vom Land nur die Aussicht, dass  es noch weit über 2000 Flüchtlinge auf dem Kasernengelände werden könnten.    Die Gemeinde kann nun sehen, wie sie mit wütenden Bürgern,  einer wenig hilfreichen Landesregierung und   einer Morgenluft witternden   rechten Szene umgeht.  Ein hartes Stück Arbeit, denn im Gegensatz zu Bund und Land agieren hier vor Ort ehrenamtliche Politiker.  Boostedts Bürgermeister  bleibt in dieser Ausnahmesituation ruhig und besonnen, setzt auf Information und Zusammenarbeit.   Chapeau, Hartmut König!


 

 

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