Die Boostedter: enttäuscht, besorgt und verständnisvoll

Claudia Mollen
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Claudia Mollen

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20. September 2018, 19:09 Uhr

Das sagen Boostedter nach der Versammlung:

Helga Ehlers hat nachmittags am Rundgang teilgenommen und ist beeindruckt von der Landesunterkunft. „Das ist eine tolle Arbeit, die da geleistet wird.“ Von der Einwohnerversammlung am Abend ist die 70-Jährige enttäuscht und bezweifelt, dass weniger Flüchtlinge nach Boostedt kommen: „Wir sind eher gegangen. Wir waren bedient. Alles bleibt, wie es ist. Es gab kein Angebot an die Boostedter.“

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„Die einzelnen Bürger sind beunruhigt. 500 Flüchtlinge kann Boostedt schaffen“, findet Claudia Mollen (51). „Ich persönlich habe keine negativen Erfahrungen gemacht, aber meine 17-jährige Tochter fährt seit einem Jahr nicht mehr so gerne abends mit der AKN.

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„Ich habe nichts gegen die Erstaufnahme. Ich unterstütze das, aber ich bin nicht mehr so motiviert“, sagt Jonas Riepen. Im Mai hat ein Flüchtling gegen das Auto des 23-Jährigen getreten. Die Folge: eine Delle im Kotflügel und Kratzer. Vom Innenminister erfuhr er gestern, dass das Land für diese Schäden nicht aufkommt. Der 23-Jährige bleibt auf den Kosten von etwa 400 Euro sitzen: „Ich fühle mich im Stich gelassen. Wir helfen den Leuten, und das ist Dank dafür, dass wir sie unterstützen.“

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Hans-Günter Sieh war nicht nur auf der Einwohnerversammlung, der 78-Jährige hat sich auch zuvor als einer der wenigen Boostedter die Landesunterkunft angesehen. „Ich bin ein bisschen ratlos: Auf der einen Seite haben wir viele junge alleinreisende Flüchtlinge, auf der anderen aber auch viele Familien, die sich integrieren wollen. Ich habe als pensionierter Lehrer von 2015 bis 2017 Deutschkurse für Flüchtlinge gegeben und viele positive Erfahrungen gesammelt.“

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Monika Löwen (22) sagt: „Die Aufregungen und Befürchtungen kann ich verstehen, obwohl ich selbst nicht viel von den Flüchtlingen mitkriege. Ich finde es nicht gut, wenn man die Menschen über einen Kamm schert und das falsche Verhalten einiger auf alle überträgt.“

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„Es bringt nichts. Es wird nichts geändert. Es ist bequem fürs Land, weil es in Boostedt diese Liegenschaft gibt“, sagt Sigrid Malachewitz (74). „Ich habe nichts gegen die Flüchtlinge. Ich glaube nicht, dass die Versprechungen gehalten werden. Mir tut unser ehrenamtlicher Bürgermeister leid.“

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„Die Landesregierung hat kein gutes Bild abgegeben und lässt die Gemeindevertretung Boostedt im Stich. Ich kann Politikverdrossenheit verstehen. Ich hatte die Hoffnung, dass Boostedt entlastet wird“, sagt Sandra Kock (47).

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„Der auf Wahrung der Objektivität und ein positives Menschenbild zielende Beitrag von Schulleiterin Dagmar Drummen hat mich ebenso beeindruckt wie die ruhigen Darstellungen des Innenministers Grote“, sagt Jens-Peter Bey. „Es gab ein Gleichgewicht von Zustimmung und Skepsis in der Versammlung“, meint der 73-Jährige.

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„Ich fühle mich auf jeden Fall besser informiert. Grote hat klare Aussagen gemacht und glaubhaft rübergebracht. Ob das alles so durchzuhalten ist, wird man sehen“, sagt Jens Fandrey (52).

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Gut informiert fühlt sich Herbert Winselmann, aber der 76-Jährige ist auch besorgt: „Ich habe Zweifel, ob Boostedt das alles so stemmen kann.“

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Ingrid Jacob (71) lebt seit 45 Jahren in Boostedt. Aus ihrer Sicht haben die Antworten des Innenministers deutlich gemacht, „dass wir Bürger letztlich wenig Einfluss haben auf das, was passiert. Das macht mich etwas betroffen. Ich fand auch den Seitenhieb des Innenministers auf den Bürgermeister unfair, er hat Probleme öffentlich benannt, obwohl die Medien sie zu breit getreten haben.“

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Annika Redmann (45) arbeitet als Reinigungskraft in der Erstaufnahme und hatte sich mit einem Statement zu Wort gemeldet: „Meine Arbeit als Reinigungskraft wird mit den Füßen getreten.“ Dem Courier erzählte sie weiter: „Es fehlt der Respekt. Ich reinige die Kantine und erlebe dreistes Verhalten. Ich bin mit den Antworten der Podiumsgäste unzufrieden, sie sind nicht konkret auf die Anliegen der Boostedter eingegangen. Es ärgert mich auch, dass die Bürger auf den Schäden sitzen bleiben, die von Flüchtlingen begangen wurden.“

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Nicole Adner: „In Boostedt habe ich mittlerweile ein ungutes Gefühl und sorge mich auch um mein Kind. Früher bin ich auch nachts durch den Ort gegangen, das tue ich jetzt nicht mehr. Gut wäre es, wenn wieder mehr Frauen und Kinder in die Erstaufnahme kommen, das war nie ein Problem.“

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Kirsten Fandrey (48): „Ich wollte die Stimmung in Boostedt erfahren. Mein Eindruck ist, dass einige Bürger unzufrieden sind, grundsätzlich aber die Hilfsbereitschaft da ist. Insgesamt fand ich die Diskussionen informativ. In Boostedt fühle ich mich so wohl wie immer.“

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„Ich war immer stolz, dass wir in Boostedt so viele Flüchtlinge aufnehmen. Die Boostedter haben aber zu wenig Mitspracherecht und für den kleinen Ort ist die Zahl der Flüchtlinge zu groß. Es müsste mehr Standorte geben. Wo Leute geschädigt wurden, fehlte mir die Demonstration vom Land, dass man sich einsetzt“, sagt Martin Kunze (45). „Aber die Stimmung in Boostedt ist nicht gekippt. Das hat die Versammlung gezeigt.“



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