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Vereinsauflösung : Die Bäckermeister kegeln nicht mehr

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Der 108 Jahre alte „Kegel-Klub Wandervogel“ hat sich aufgelöst / Zuletzt gab es nur noch drei Aktive / Gutes Essen war immer Pflicht

shz.de von
erstellt am 04.Jan.2014 | 05:00 Uhr

Seit mehr als vier Jahrzehnten schoben sie so gut wie jeden Mittwoch von 16 bis 18 Uhr gemeinsam die Kugel, doch jetzt ist Schluss: Der „Bäckermeister-Kegel-Klub Wandervogel“, der vor 108 Jahren gegründet wurde und damit wohl der älteste Club seiner Art in der Stadt war, hat sich zum Jahreswechsel aufgelöst. „Es wird etwas fehlen“, stellte gestern der letzte Vorsitzende Friedrich Kröger (79, Bäckerei Kröger, Lütjenstraße 9) mit etwas Wehmut fest. Nur er und seine Kollegen Jürgen Andresen (70, Bäckerei Andresen) und Karsten Köster (74, Bäckerei Karsten Köster, Altonaer Straße 4) waren von den verbliebenen neun Mitgliedern zuletzt noch aktive Kegler.

Mit 13 Mitgliedern fing es 1905 an; erster Vorsitzender war Bäckermeister Lüthke aus Neumünster. Die Gründung sei „ein beachtliches Zeichen des Gemeinschaftsgeistes, einer Kollegialität und Freundschaft unter Bäckermeister-Kollegen, wie es wohl recht selten unter Beweis gestellt wird“, heißt es im Vereinsprotokoll. Der Name erinnert daran, dass alle zu Fuß, auf „Schusters Rappen“, zum Kegellokal am Schleusberg kamen. Das Kegeln war Ausgleich zur harten Arbeit, heißt es in einem alten Protokoll. Das blieb immer gültig.

Schon 1910 gründete sich der Bäckermeister-Kegelbund Norden, ein Vorsitzender war Rudolf Schmidt aus Neumünster. Hamburg schloss sich 1924 an. Es gab Pokalwettkämpfe, aber auch Verbands- und deutsche Meisterschaften; die Neumünsteraner schafften auch einen Bundessieg. Es gab regelmäßig Putenkegeln zu Weihnachten, Königskegeln im Frühjahr, Wintervergnügen im Januar oder später Tagesausflüge.

Früher gab es zwar schon Teigmaschinen, aber viel mehr als heute musste mit der Hand gemacht werden. „Der Zweite Weltkrieg hatte vieles zerstört. Rohstoffe wie Rosinen, Mandeln oder Marzipan waren knapp“, sagt Kröger. Es gab nur drei Sorten Kuchen und Berliner mit zwei Füllungen“, so Andresen.

1959 hatte Neumünster noch 54 Bäckereien, 1969 noch 30 Betriebe, 2014 noch 5. Die weiteren sechs Mitglieder beim „Wandervogel“ waren Wolfgang Zelle (62, Bäckerei Wriedt & Zelle, Oberjörn), Friedhelm Wittmaack (74, Wittmaack, Enenvelde, Einfeld), Hermann Kohls (74, Kohls, Gadeland), Hans-August Osterhof (78, Osterhof, Segeberger Straße), Johann Thiemann (85, Thiemann, Luisenstraße) und Herbert Langenohl (84, Bäckerei Langenohl, Boostedt, heute Tackmann). Kollegialität war im Club immer die Leitlinie: „Beruflich waren wir Konkurrenten, aber beim Kegeln spielte das keine Rolle“, betont Köster.

Wichtig war immer ein gutes Essen: 1965 beispielsweise gab es bei einem Kegelabend Bouillon mit Pastete, Braten, drei Sorten Gemüse, Butter und Käse (für 1,50 D-Mark pro Person). Und auch bei Kegeltreffen mit anderen Bäckermeister-Clubs aus ganz Schleswig-Holstein gab es Leckeres aus der eigenen Bäckerei. „Zu den Wettkämpfen war Kuchen Pflicht. Und beim Kegeln haben wir immer den Alltag für ein paar Stunden beiseite geschoben“, sagte Kröger.

Doch die Beteiligung wurde mit den Jahren immer geringer. Es gibt immer weniger Betriebe, immer weniger Junge kegeln. „Die bowlen lieber“, vermutet Andresen. Die Auflösung wurde unausweichlich. Treffen wollen sich die Bäckermeister aber weiterhin einmal im Monat.

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