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Nach Bluttat in Rendsburg : Die Angst sitzt mit am Schreibtisch

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Der gewaltsame Tod eines Rendsburger Finanzbeamten sorgt auch in Neumünsteraner Behörden für Gesprächsstoff.

Neumünster | Der Mord an einem Rendsburger Finanzbeamten in dessen Dienststelle sorgt auch in Neumünsteraner Behörden für Gesprächsstoff: „Natürlich ist das ein Thema“, sagte gestern ein Mitarbeiter des Jobcenters, der seinen Namen nicht nennen möchte.

In manchen Kundengesprächen werde es schon mal etwas lauter, aber in den meisten Fällen kenne man die auffälligen Klienten: „Wir können uns darauf einstellen, aber ein bisschen Angst sitzt immer mit am Schreibtisch“, meint der Sachbearbeiter.

Auch sein Chef Thorsten Hippe will das Problem nicht kleinreden: „Es gibt schwierige Kunden, und wir nehmen jede auch nur leichte Beleidigung oder ausgesprochene Bedrohung ernst“, sagte der Geschäftsführer des Jobcenters. Allerdings handele es sich um absolute Einzelfälle. Bei rund 200 bis 600 täglichen Kundenkontakten habe man im vergangenen Jahr „vielleicht zehn Hausverbote gegen Antragsteller ausgesprochen“. Sie waren durch wiederholte Beschimpfungen gegen Mitarbeiter aufgefallen. Hippe kann sich nur an einen einzigen Fall erinnern, in dem es zu einer körperlichen Rangelei gekommen sei. Die Mitarbeiter riefen die Polizei.

Um die Kollegen zu schützen, setzt man in der Behörde vor allem auf gegenseitige Hilfe. So gibt es in den meisten Büros mindestens eine Verbindungstür, durch die der Kollege nebenan alarmiert wird, wenn es drinnen lauter wird. Außerdem können die Mitarbeiter über eine bestimmte Tastenkombination am PC einen Alarm auslösen. In schwierigen Fällen können die Kollegen auch die Mitarbeiterin eines Wachdienstes hinzuziehen, die Präsenz zeigen soll, ohne zu provozieren.

Auch in der Stadtverwaltung setzt man zum Schutz vor Übergriffen in erster Linie auf die Hilfe der Kollegen. An den Arbeitsplätzen in den Sozialbehörden wird auf schnelle Fluchtwege und eine enge Verbindung zum Kollegen nebenan geachtet. Mitarbeiter würden sich darüber hinaus regelmäßig fortbilden, wie man brenzlige Situationen mit unzufriedenen Bürgern entschärfen könne, versichert Holger Pohlmann, Leiter im Fachdienst Soziale Hilfen. Zurzeit überlegt die Stadt, ein internes Alarmsystem im PC auszuweiten. Bislang sind lediglich die Mitarbeiter im Sozialbereich an das interne Notrufsystem angeschlossen.

Im Amtsgericht hat der gewaltsame Tod des Rendsburger Finanzbeamten dazu geführt, die eigene Situation zu überdenken. „Wir haben sehr hohe Sicherheitsvorkehrungen – schon allein dadurch, dass wir eigenes Sicherheitspersonal beschäftigen. Besucher müssen eine Einlasskontrolle passieren und werden mit einem Metalldetektor und Handgeräten durchsucht und im Anschluss abgetastet“, erklärte Jörg Niebuhr das Prozedere. Der Geschäftsleiter räumte jedoch ein, dass bekannte Personen nach dem Passieren der Kontrolle nicht mehr gesondert per Hand durchsucht werden – wie beispielsweise Rechtsanwälte, die häufig im Gericht verkehren. „Anlässlich des schockierenden Falles in Rendsburg und der besonderen Umstände werden wir diese Vorgehensweise aber überdenken“, sagte Niebuhr.

Bei der Polizeidirektion an der Alemannenstraße ist man aufgrund des Vorfalls in Rendsburg bestürzt, aber in Bezug auf die eigene Sicherheit nicht beunruhigt. „Bei uns greifen bereits im Vorwege Kontrollen. Hier kann niemand einfach unbehelligt hereinmarschieren. Besucher landen als erstes in unserem Service-Point und werden dann von einem Sachbearbeiter abgeholt“, sagte Polizeisprecher Rainer Wetzel.

Im Finanzamt an der Kaiserstraße wollte sich gestern niemand äußern.

Kommentar: Fingerspitzengefühl als Vorsorge

Es ist nicht angenehm, auf dem Amt einen Antrag  auf Unterstützung oder Hilfe zu stellen. Das hat den Ruch des Versagens. Es ist allerdings auch nicht unbedingt  angenehm, jemandem zu erklären, dass sein Antrag abgewiesen werden muss, weil diese oder jene Bedingung nicht erfüllt ist. Wenn das auf dem Amt auf beiden Seiten des Schreibtisches anerkannt wird, ist schon viel gewonnen. Leider ist das nicht immer so. Antragsteller fühlen sich oft als Bittsteller; Sachbearbeitern gelingt es es nicht immer klarzustellen, dass sie die Paragrafen nicht persönlich erfunden haben. Hier das richtige Fingerspitzengefühl zu finden, um persönliche Verletzungen zu verhindern, wird eine Daueraufgabe im Sozialbetrieb bleiben. Gelingt sie, ist sie eine gute Vorsorge. (Jens Bluhm)

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erstellt am 03.Sep.2014 | 05:00 Uhr

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