Neumünster : Deutliches Zeichen gegen Vorurteile

Mit ihrer Kampagne „Unerhört! Diese Obdachlosen“, hier ein Plakat am Stoverweg, will die Diakonie Aufmerksamkeit auf Menschen lenken, die kein Gehör finden.
Mit ihrer Kampagne „Unerhört! Diese Obdachlosen“, hier ein Plakat am Stoverweg, will die Diakonie Aufmerksamkeit auf Menschen lenken, die kein Gehör finden.

Mit Plakaten macht die Diakonie auf die Instrumentalisierung von Obdachlosigkeit durch rechte Gruppen aufmerksam.

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28. Februar 2018, 11:00 Uhr

Sie sind ein Hingucker, irritieren und provozieren gewollt: „Unerhört! Diese Obdachlosen“ heißt es auf großen violetten Plakatwänden in der Stadt. Die Öffentlichkeitskampagne der Diakonie will zwei Jahren lang aufmerksam machen auf Menschen, denen oft nicht zugehört wird. Zwei der Plakate stehen an der Kieler Straße, unweit der Zentralen Beratungsstelle für Menschen in Wohnungsnot (ZBS), die die Diakonie Altholstein seit 1995 betreibt.

24 Plätze für Männer und Frauen ohne Dach über dem Kopf gibt es in der Tages- und Übernachtungsstätte. „Unsere Betten sind das ganze Jahr über voll belegt“, sagt ZBS-Leiterin Melanie Popp. Bei Schnee und Minusgraden gibt es auch in Neumünster eine höhere Aufmerksamkeit fürs Thema Obdachlosigkeit. Doch anders als in Kiel oder Hamburg gebe es in Neumünster keine feste Obdachlosenszene, die erst der Frost in die Unterkunft treibe, sagt die Sozialarbeiterin. So wie im Dezember Zusatzbetten aufgestellt werden mussten (der Courier berichtete), komme es ebenso im August vor, dass die vorhandenen Plätze nicht ausreichten. 210 Menschen ohne festen Wohnsitz fanden 2017 eine Unterkunft auf Zeit in der ZBS: „Wohnungsnot ist ein Ganzjahresthema.“

Die Gründe für Wohnungslosigkeit sind vielfältig: Trennung vom Partner, Arbeitnehmer, die nach ihrem Zeitvertrag die Dienstwohnung verlieren, Menschen, die das Leben so aus der Bahn geworfen hat. „Auffällig ist, dass immer mehr Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen zu uns kommen“, sagt Melanie Popp. Sie bemängelt: „Oft gibt es einen Drehtüreffekt zwischen Wohnungslosenhilfe und Psychiatrie.“ Diese Entwicklung gebe es bundesweit.

In den Beratungsgesprächen erfahren die Mitarbeiter, auf welche Ablehnung die Bewohner bei der Job- und Wohnungssuche stoßen. Oft sind es private Vermieter, die im persönlichen Gespräch den Bewerbern eine Chance geben. „Über die Bedenken und Risiken muss man offen reden, mit Schönfärberei ist niemandem geholfen“, betont Melanie Popp.

Während die wohnungslosen Menschen im Alltag häufig mit Ablehnung zu kämpfen haben, hat Diakonie-Geschäftsführer Heinrich Deicke eine gegenläufige Tendenz beobachtet, die ihn ebenso besorgt stimmt: „Immer wieder gibt es Versuche von rechten Gruppen, das Thema Obdachlosigkeit und die betroffenen Menschen zu instrumentalisieren.“ So würden Obdachlose und Flüchtlinge gegeneinander ausgespielt und die angebliche Unterstützung „einheimischer Wohnungsloser“ politisch ausgenutzt. „Wir mussten mehrfach erleben, dass Aktivisten rechter und nationalistischer Gruppen die ZBS besuchen und sich als interessierte Bürger ausgeben. Im Nachhinein sahen wir, dass Fotos der Besuche, die ohne unsere Zustimmung entstanden sind, auf einschlägigen Internetseiten erscheinen, versehen mit Kommentaren, die ein Engagement für die Wohnungslosen vorgeben“, berichtet Deicke. Der Diakonie-Chef grenzt sich deutlich von diesen politischen Akteuren ab: „Unser diakonischer Auftrag ist es, Menschen in Not zu helfen. Dabei interessieren uns weder Geburtsort noch Hautfarbe.“

Die ZBS bleibt weiter offen für Bürger, die sich informieren wollen. Besonders bewegend war die Hilfsbereitschaft zu Weihnachten: Über 100 Päckchen wurden abgegeben.

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