Der Weihnachtsbraten kam im Korb per Bahn

Den Korb mit der Gans hat Ursula Holtmann  nachgestellt.
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Den Korb mit der Gans hat Ursula Holtmann nachgestellt.

Unsere Oma schickte uns das Federvieh lebend von Masuren ins Ruhrgebiet.

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29. November 2013, 12:00 Uhr

Es war wohl das erste oder zweite Kriegsweihnachtsfest, und es gab bereits Lebensmittelmarken. Meine Eltern, gebürtig aus Masuren (Ostpreußen), lebten seit den 20er-Jahren im Ruhrgebiet. Meine Oma auf dem Lande wohnend, sorgte sich sehr um das leibliche Wohl ihrer Lieben. So schickte sie denn ab und an ein Paket mit Naturalien.

Die Entfernung von Ost nach West war stets ein langer Reiseweg, der schon mal ein paar Tage dauerte. Lastwagen von der heutigen Größe und Ausstattung waren noch nicht erfunden. Der Lieferservice erfolgte ausschließlich über die Post oder per Bahnexpress, also über das Schienennetz. Meine Oma machte uns damals ein besonderes Geschenk: Sie schickte eine gute gemästete Gans auf die lange Reise. Abenteuerlich wurde das Federvieh per Expressgut auf die Reise geschickt. Die Ankunft hatte Oma bereits mittels Telegramm angekündigt.

Oma füllte einen Weidenkorb mit Stroh und Heu. Aus Sackresten nähte sie eine Art Deckel rundherum am Korb fest. In der Mitte blieb ein Schlitz, genügend Platz für die Gans, den Kopf durchstecken zu können. Ein Säckchen mit Futter baumelte an einem der Korbgriffe. So eingenäht und versorgt ging es auf große Fahrt. Dem Zugbegleitpersonal waren die Art von Tiertransporten eine gewohnte Angelegenheit und somit die Versorgung garantiert.

Zur angekündigten Zeit holten wir unsere Gans dann schließlich am Expressgut-Schalter der Bahn wohlbehalten ab. Es war Winter, es hatte geschneit, und auf dem Schlitten zogen wir die laut protestierende Gans heim. Bis kurz vor ihrer „Hinrichtung“ war täglicher Hofgang angesagt, bevor es zur Nacht in eine Kiste ging.

Geschlachtet hat die Gans ein beherzter Nachbar. Mein Vater brachte es einfach nicht fertig.

Die Gans muss wirklich ein Riesenvogel gewesen sein, oder waren wir zu emotional gestimmt? Bis ins neue Jahr hinein gab es bei uns Gans in vielen Varianten. Lange reichte das leckere Gänseschmalz. Den nächsten Gänsebraten gab es erst wieder nach dem Krieg.

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