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Neumünster : Der Postbank-Streit geht in die nächste Runde

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Eine Gruppe von Neumünsteranern fühlt sich um ihr Geld gebracht. Heute fahren die Privatanleger zu Protesten nach Hamburg.

Neumünster | Rund 60 Privatanleger aus Neumünster und Umgebung haben in ihrem jahrelangen Streit mit der Postbank wegen falscher Fondsberatung einen Teilerfolg errungen: Die Postbank hat sich mit den meisten inzwischen auf einen Vergleich geeinigt. Wie viel der ursprünglichen Anlagesumme zurück gezahlt wurde, ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Nach der Vergleichsvereinbarung wollen und dürfen die Betroffenen nicht darüber reden.

Die Hartnäckigkeit und der Gang an die Öffentlichkeit – auch der Courier berichtete mehrfach – haben sich offenbar gelohnt. Nach einem Bericht von NDR 1 Welle Nord und dem Schleswig-Holstein-Magazin wurden nämlich nur in sechs Prozent der Fälle Kunden in einem Vergleich teilweise entschädigt, um Grundsatzurteile vor Gericht zu vermeiden. Nahezu drei Viertel aller Reklamationen bei geschlossenen Fonds habe die Postbank abgelehnt, berichtet der NDR.

Jetzt gehen die Neumünsteraner und andere Anleger erstmalig auch gegen die Emissionshäuser vor, die die Fonds aufgelegt haben. Heute startet eine Gruppe von 42 Betroffenen von Neumünster aus zu einer Demonstration vor den Fondsanbietern König & Cie., Lloyd Fonds und Nordkapital nach Hamburg. Der NDR will darüber heute im Schleswig-Holstein-Magazin berichten. „Wir erwarten 100 Geschädigte und werden unseren Protest mit Transparenten, Trillerpfeifen und Megafonen vorbringen“, sagt Peter Kleinjung (63) aus Tungendorf. „Neumünster ist ein Brandherd“, bestätigt der Hamburger Rechtsanwalt Dr. Arne Heller. Er vertritt mit seiner Kanzlei zirka 260 Anleger, davon 100 aus Hamburg und etwa 120 aus Schleswig-Holstein. Den Gesamtschaden beziffert Heller auf mehr als 100 Millionen Euro.

Heller glaubt mit einem Gutachten nachweisen zu können, „dass Fonds noch zu einem Zeitpunkt aufgelegt und vertrieben wurden, zu dem klar war oder zumindest hätte klar sein müssen, dass diese Schiffe keinen Gewinn einfahren, sondern früher oder später insolvent werden.“ Gegen das Emissionshaus Dr. Peters wollen 70 geschädigte Anleger deshalb heute Strafantrag stellen, so Heller.

Heute weiß Peter Kleinjung: „Die Risiken von geschlossenen Fonds sind für Privatanleger nicht absehbar.“ In den meisten europäischen Ländern dürften Privatanleger daher auch keine geschlossenen Fonds zeichnen. Kleinjung sieht hier auch ein Versagen der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin), die den sogenannten grauen Kapitalmarkt nicht reguliere.

Für Anwalt Heller „stinkt der Fisch vom Kopf her“. Die Emissionshäuser hätten überhöhte Provisionen gezahlt und Vermittlern Luxusreisen spendiert. „Die sogenannten Weichkosten betrugen zum Teil 30 Prozent“, so Heller. Kleinjung: „Und das natürlich alles auf Kosten der Kunden, die davon nichts erfuhren“, schimpft Kleinjung. Er spricht von einem Schneeball- und Sanierungssystem, bei dem nur Banken, Reeder und Emissionshäuser gewannen. Kleinjung: „Nur der Kleinanleger nicht. Er sollte die Zeche zahlen.“

So seien Verkaufseinnahmen als vorgegaukelte Gewinne wieder ausgeschüttet worden, obwohl sie gar nicht erwirtschaftet wurden. Eingenommene Fondsgelder wurden nur teilweise in Schiffe investiert, ein Großteil für Gehälter, Gebühren und Provisionen verwendet. „Das Fondssterben wurde verzögert, Gelder konnten verschoben werden, Kosten wurden verschleiert“, sagt Kleinjung und spricht von einer regelrechten „Jagd der Finanzpiraten auf den Kleinanleger“, der in der Fondsbranche intern und zynisch als „LEO ad“ gelte. Das stehe für „Leicht erreichbares Opfer, alt und doof“.

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erstellt am 17.Okt.2013 | 07:30 Uhr

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