Seniorenmagazin : Der letzte Abschied

Loslassen  ist ein schwieriger Prozess, der oft Stück für Stück vonstatten geht.
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Loslassen ist ein schwieriger Prozess, der oft Stück für Stück vonstatten geht.

Aus freien Stücken und in würdiger Form gebe ich nach und nach Tätigkeiten auf.

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30. Januar 2015, 08:00 Uhr

Neumünster | Altern und sterben sind natürliche Vorgänge. Es ist schwer, sich etwas Konkretes darunter vorzustellen, wenn man noch jünger ist. In diesem Jahr vollende ich das neunte Lebensjahrzehnt. Der Vorgang des Alterns kommt mir jetzt vor wie eine Reihe von Abschieden; Abschieden von lieb gewordenen Tätigkeiten und Gewohnheiten, wenn die Kräfte, auch die der Sinne, nicht mehr ausreichen, um ihnen nachzukommen.

Ich sehe eine Aufgabe darin, diese Abschiede aus freien Stücken und in einer würdigen Form zu vollziehen, so dass man später gern daran zurückdenkt. Ich meine damit das, was wir in der Umgangssprache „seinen Ausstand geben“ nennen; also nicht sang- und klanglos von der Bühne verschwinden, sondern die Weggefährten und Mitstreiter noch einmal einladen oder ihnen wenigstens einen ausgeben. Ich habe erfahren, dass ich mich so freier und zufriedener auf die Dinge konzentrieren kann, die ich noch schaffe.

Viele Bereiche des Lebens schrumpfen: das Bedürfnis, in die weite Welt zu reisen, kulturelle Ereignisse mitzuerleben, größere Anschaffungen zu machen, fremde Menschen kennenzulernen. Auch von gleichaltrigen Freunden bleiben nur noch wenige übrig. Alles wird kleiner und strebt langsam, aber sicher einem Endpunkt zu, an dem schließlich das Herz aufhört zu schlagen. Sterben ist dann der letzte, endgültige Abschied von dieser Erde.

Ich möchte dem Tod mit dem Gefühl begegnen, dass ich den Aufgaben, vor die ich gestellt wurde und die ich mir selber gestellt habe, in etwa gerecht geworden bin. Meinen „Ausstand“ kann ich dann nicht mehr selbst geben; so ist mein letzter Wunsch, dass alle, die ich zurück lasse, sich noch einmal in geselliger Runde zusammenfinden und sich bei Speis’ und Trank an Gegebenheiten erinnern, wo ich ihnen Anlass zum Schmunzeln gab oder mich vielleicht unsterblich blamiert habe.
 

Das gesamte Seniorenmagazin finden Sie im Courier vom 30. Januar 2015.

 

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