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Zeitzeuge : Der Kirchturm loderte wie eine Fackel

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Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Rolf Gehl (83) war am 25. Oktober 1944 Zeuge der Zerstörung und half später auch beim Wiederaufbau der Anscharkirche

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erstellt am 19.Sep.2013 | 08:30 Uhr

Die Erinnerung den 25. Oktober 1944 ist bei Rolf Gehl noch wach, als sei es gestern. Der gebürtige Neumünsteraner war als 14-Jähriger beim ersten schweren Luftangriff auf Neumünster Augenzeuge der Zerstörung der Anscharkirche. Sie feiert heute mit einem Festgottesdienst die 100-jährige Wiederkehr ihrer Kirchweihe.

„Es war um die Mittagszeit. Der Radioticker gab bekannt: feindlicher Bomberverband im Bereich Breiholz Kurs Südost. Das bedeutete: Angriff auf Neumünster“, sagt Rolf Gehl, der seine Erinnerungen auch zu Papier gebracht und alte Fotos und Zeitungsausschnitte zum Thema gesammelt hat.

Gehl war erst im August 1944 wieder aus Nordfriesland zurückgekehrt, wohin er als Hitlerjunge für Schanzarbeiten am sogenannten Friesenwall dienstverpflichtet war. In Neumünster musste er sich zur Ausbildung beim Luftschutz melden und war als Schadensmelder für den Bereich Christian-, Anschar- und Vicelinstraße eingeteilt.

Seinen Meldebereich erreichte er an diesem Schicksalstag nicht mehr. Als die Warnung über den Rundfunk kam, fielen auch schon die ersten Bomben auf die Häuser an der Parkstraße. Rolf Gehl erreichte mit seiner Mutter Ferdinande und seiner Schwester Elke gerade noch den Erdbunker auf dem alten Friedhof neben der Anscharkirche. „Als wir gerade im Bunker waren, schlug eine Sprengbombe genau neben der Bunkerwand ein“, sagt Gehl.

Als sie nach der Entwarnung den Bunker verließen, waren sie von einem Feuermeer umschlossen. „Der Turm der Kirche loderte wie eine Fackel“, sagt Gehl. Schließlich neigte sich der Turm auf das Dach, durchschlug es und fiel ins Kirchenschiff. Die Innenausstattung verbrannte. Auch in der Umgebung gab es große Zerstörungen. Bei dem Angriff kamen 181 Menschen ums Leben. An der Christianstraße standen viele Häuser in Flammen, der Kuhberg (damals Adolf-Hitler-Straße) war ein Trümmerfeld. Auch das Haus der Großeltern, die am Kuhberg 37 das Gast- und Logierhaus Gehl betrieben, war völlig zerstört. Nach dem Krieg entstand auf dem Grundstück das Capitol-Kino, heute befindet sich an der Stelle das Kundenzentrum der Stadtwerke.

Rolf Gehl erlebte nicht nur die Zerstörung der Anscharkirche, sondern leistete als Elektriker-Lehrling der Firma Thorn auch seinen kleinen Beitrag zum Wiederaufbau. „Die Anscharkirche hatte einst das gleiche Glockenspiel wie Big Ben“, sagt Gehl. Die Glocken waren im Krieg abgehängt worden und wurden höchstwahrscheinlich als kriegswichtiger Rohstoff eingeschmolzen. Vom Hamburger „Glockenfriedhof“ kam nach dem Krieg auch der Ersatz aus Arnswalde/Pommern. Rolf Gehl und sein Meister Ernst Thorn waren beauftragt, den Glockenmotor zu reparieren. „Das war eine abenteuerliche Kletterei über drei zusammen gebundene Leitern. Höhenangst durfte man nicht haben“, sagt Gehl, der ab 1958 im Friedrich-Ebert-Krankenhaus arbeitete und dort nach seiner Meisterprüfung bis zu seinem Ruhestand 1990 die Elektroabteilung leitete.

 

 

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