Jacoby-Bürgergilde Neumünster : „Der Gilde wohnt ein Zauber inne“

Philipp Oldehus ist seit 30 Jahren in der Jacoby-Bürgergilde.
Foto:
1 von 2
Philipp Oldehus ist seit 30 Jahren in der Jacoby-Bürgergilde.

Philipp Oldehus, Kapitän der Jacoby-Bürgergilde, über Tradition, Hilfeleistungen und Vogelschießen.

von
18. Mai 2018, 12:55 Uhr

Am kommenden Mittwoch lädt die Jacoby-Bürgergilde zum Vogelschießen ein – einer der wenigen Anlässe, zu denen die Gilden der Stadt öffentlich in Erscheinung treten. Für Philipp Oldehus (58) ist die Jacoby-Gilde Familiensache. Schon sein Großvater war Mitglied, ebenso der Vater, Onkel und Schwager. Im Freitagsinterview mit Courier-Redaktionsleiter Hannes Harding klärt der gelernte Konditormeister nicht nur über die Tradition der Gilden in Neumünster auf, sondern erläutert auch, warum er sie noch immer für zeitgemäß hält.

Herr Oldehus, erklären Sie bitte den Hintergrund der Gilde.
Die Bürgergilde wurde 1578 gegründet als Brand- und Totengilde. Das waren die Vorläufer von Versicherungen. Wenn mein Haus abbrennt, kommt mein Nachbar und hilft mir beim Wiederaufbau, und ich verspreche ihm das Gleiche. Das war die Brandgilde. Die Totengilde leben wir heute noch. Wir zahlen den Witwen der Gildebrüder ein Sterbegeld von 5000 Euro für die Beerdigungskosten. Das ist der wirtschaftliche Aspekt. Dazu kommt der rein menschliche. Immer wenn ein Gildebruder stirbt, gibt es eine Abordnung von 20 Gildebrüdern. Der Kapitän hält eine Rede auf den Verstorbenen, und es gibt einen Witwentröster. Das ist jemand, den wir für geeignet halten, sich um die Hinterbliebenen zu kümmern. Die Hinterbliebenen sollen nicht allein sein. Deshalb werden sie auch zu den verschiedenen Veranstaltungen der Gilde eingeladen.

Generell sind Frauen als Mitglieder aber nicht zugelassen.
Das ist richtig. Die Gilde ist eine Männergilde, auch wenn die Gildeschwestern bei uns einen hohen Stellenwert haben.

Viele Menschen können mit der Tradition wenig anfangen. Was sagen Sie denen?
Je globaler die Welt wird, je vernetzter wir sind, desto wichtiger wird das Zusammensein, das Lokale und das Zwischenmenschliche. Wir merken das unter anderem daran, dass wir in den vergangenen Jahren einen verstärkten Zulauf junger Menschen haben. Die suchen das alte Brauchtum, um Geborgenheit gemeinsam zu erleben. Die Gilde ist etwas so stark Gewachsenes, dass sie merken, wie dem ein gewisser Zauber innewohnt. Und für junge Leute ist die Gilde heute auch etwas leicht Exotisches.

Dennoch ist die Mitgliederzahl begrenzt.
Es sind immer 199, und man muss bei Abgabe des Aufnahmeantrags mindestens 25 und höchstens 40 Jahre alt sein. Wichtig ist: Es ist keine Beliebigkeit da, sondern eine Begehrlichkeit. Man tritt nicht in die Gilde ein, sondern man wird aufgenommen, nachdem man eine strenge Aufnahmeprozedur durchlaufen hat. Die Wartezeit liegt meisten bei drei bis vier, manchmal fünf Jahren. Man muss warten, bis ein Platz frei wird, weil jemand stirbt oder austritt.

Aus welchen Schichten kommen die Mitglieder?
Unsere Mitglieder kommen aus ganz unterschiedlichen Schichten. Früher waren wir eine Handwerkergilde, während unsere Schwestergilde eher aus Akademikern und Fabrikanten bestand. Heute haben wir immer noch viele Handwerker, aber auch Kaufleute, Juristen und Ärzte.

Ändern wir den Fokus: Welche Bedeutung haben Gilden, und insbesondere Jacoby, für die Stadt?
Wir sagen: Eine Stadt ohne Gilde ist keine Stadt, und eine Gilde ohne Stadt ist auch keine Gilde. Die Gilde ist wie eine Essenz der Bürger, die sich für die Stadt interessieren. Außerdem sind die Gilden die zweitältesten Institutionen der Stadt, älter ist nur die Kirche.

Es gibt in Neumünster viele Menschen, für die die Stadt nicht die erste, sondern die zweite Heimat ist. Haben Sie in der Gilde auch Mitglieder mit Migrationshintergrund?
Neu-Neumünsteraner haben wir, Menschen, die beruflich oder privat in die Stadt gezogen sind und hier Fuß gefasst haben. Menschen mit Migrationshintergrund sind bei uns nicht Mitglied. Viele sind nicht-christlichen Glaubens, und die Gilde ist eine Wertegemeinschaft, die sich aus dem Christentum gebildet hat. Man muss christlich geprägt sein, um in die Gilde aufgenommen zu werden. Das ist in unseren Statuten so festgelegt. Aber natürlich könnte die Aufnahme nicht-christlicher Mitglieder irgendwann einmal ein Thema werden, auch wenn ich daran nicht so recht glaube.

Gilden leben aus der Tradition heraus und bewahren diese. Sind sie denn noch zeitgemäß?
Ich sage: Ja! Unsere Grundfeste sind die Hilfeleistungen. Wir sind das Uhrwerk der Netzwerke in der Stadt, 199 Menschen, die ganz viel wissen, ganz viele Menschen kennen. Die helfen sich, und das ist zeitgemäß.

Aber diese Hilfe wirkt nach innen. Die Serviceclubs beispielsweise richten ihre Hilfe nach außen.
Wir helfen auch anderen. Früher haben wir – das ist ein alter Begriff – verschämte Arme unterstützt. Wir hatten immer Mitglieder, die ein Ohr an Kirche, Kleiderkammern und so weiter hatten. Die wussten, wo es Menschen in Not gibt. Jemand war ausgebrannt, eine alleinerziehende Mutter geriet mit ihren Kindern in Not, oder wir erfuhren von Notfällen aus der Zeitung – da haben wir geholfen. Heute haben wir verschiedene Projekte. So haben wir einen syrischen jungen Mann unterstützt, der an der Musikschule eine Ausbildung zum Bariton macht. Wir helfen Familien mit Sportkleidung und ähnliches. Wir pflanzen Bäume für das Stadtbild und engagieren uns im Tierpark.

Wie steht das anstehende Vogelschießen mit dem eigentlichen Gildezweck in Zusammenhang?
Das Vogelschießen dient der gegenseitigen Versicherung. Es lernen sich Mitglieder besser kennen, das festigt die Gemeinschaft – wie eine sportliche Veranstaltung.

zur Startseite
Karte

Kommentare

Leserkommentare anzeigen