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Runder Geburtstag : Der älteste Stammtisch der Stadt wird 90

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Die Kneipen kamen und gingen, aber der Freitag-Stammtisch blieb bestehen. Eines hat sich gegenüber früher geändert: die Trinkgewohnheiten.

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erstellt am 02.Okt.2014 | 16:30 Uhr

Neumünster | Der eine könnte der Großvater des anderen sein, sie sind zwischen 47 und 88 Jahre alt und verstehen sich trotzdem, als wären sie alte Freunde: die Mitglieder des „Freitag-Stammtisches zu Neumünster von 1924“. Es ist der älteste Stammtisch der Stadt, und die Mitglieder sitzen tatsächlich noch an dem Ur-Tisch. Im Oktober wird der 90. Geburtstag gefeiert.

Die Kneipen kamen und gingen, aber der Freitag-Stammtisch blieb bestehen. Es waren Geschäftsleute und Handwerksmeister aus der Innenstadt, die sich sechs Jahre nach dem Ersten Weltkrieg entschlossen, einen Runden Tisch zu gründen. Getagt wurde seit 1924 im Hotel Union an der Bahnhofstraße. Ob es damals schon den dunklen Eichentisch gab, ist nicht überliefert, aber sehr viel jünger ist er nicht. In die Platte sind von Anfang an die in Messing gravierten Namen der Mitglieder mit ihrem Geburtsdatum eingelassen. Irgendwann hat der Tisch eine neue Einlegeplatte bekommen, und darin stehen jetzt die Namen der dienstjüngsten Mitglieder.

Damals wie heute traf man sich, um die Arbeitswoche in fröhlicher Geselligkeit ausklingen zu lassen, um Freundschaft zu pflegen und Gedanken auszutauschen – und zwar über die eigenen beruflichen Horizonte hinweg. Denn ein Grundsatz ist, immer Mitglieder aus ganz unterschiedlichen Berufen aufzunehmen. „Darauf achten wir auch heute noch. Aufnahmen müssen einstimmig erfolgen, aber vorher gucken wir uns den Mann eine Weile an“, sagt schmunzelnd Anders Stüwe (88), das älteste Mitglied. Nur auf Empfehlung von mindestens einem Stammtischbruder kann man eingeladen werden.

Eine Tagesordnung gibt es an den Abenden nicht; geredet wird buchstäblich über Gott und die Welt und fast immer über Neumünsteraner Themen. Irgendjemand erzählt etwas, und schon läuft die Unterhaltung. Der Gesprächsstoff geht nie aus. Sachthemen ja, Ideologie nein. Über Politik wird gesprochen, aber sie wird hier nicht gemacht, sagen die Mitglieder.

Lange Jahre stand der Stammtisch in Krögers Hotel am Bahnhof, bevor er in den Ratskeller wanderte. Dort fanden sich immer viele Gäste ein: Wohl jeder Stadtpräsident, Oberbürgermeister und Fraktionschef blieb hier mal hängen und trank ein Feierabendbierchen. Seit 2009 hat der Stammtisch sein Domizil im Blechnapf gefunden.

„Legendär waren unsere jährlichen Stammtisch-Ausflüge nach Sylt“, sagt Dieter Bollmeyer, der schon seit 49 Jahren Mitglied ist. Dort hatte Hermann Stock eine Wohnung, in die man sich für ein Wochenende zurückzog. Freitag wurde dann immer Stammtisch in einer Kneipe in List gehalten, und an den Rest kann sich keiner mehr erinnern. „Über Sylt wurde zu Hause nie geredet. Absolutes Stillschweigen, bis heute“, sagt Stüwe verschmitzt. Na gut, eine kleine Anekdote: Einmal trafen die Stammtischbrüder im Zug die Damen-Hockeynationalmannschaft im Speisewagen. Man hatte viel Spaß miteinander, und noch vor Neumünster war im Zug der Alkohol ausverkauft. Aber das ist lange her. Irgendwann schlief die Sylt-Tradition ein, doch im nächsten Advent soll sie anlässlich des Runden Geburtstags noch einmal wieder aufleben.

Es gab eine Zeit, da drohte der Stammtisch zu überaltern. „Es sollte aber kein Rentnerclub werden, und dann haben unsere ,alten Hasen’ nach jüngeren Mitgliedern Ausschau gehalten“, sagt Bernd Mathiessen, mit 47 Jahren der „Benjamin“. Er kam 2010 mit fünf weiteren aus der so genannten „Husberger Clique“ an den Tisch. In dieser Zeit wurde der Rhythmus auf 14-tägig umgestellt und von Freitag auf Donnerstag gewechselt. „Die Zeiten haben sich geändert. Wer heute noch voll im Berufsleben steckt, der möchte meist am Freitag zu seiner Familie“, sagt Ludger Vossmann. Heute sitzen 14 Männer aus Neumünster und Umgebung an dem Tisch, und alle sind zufrieden. Oliver Hüttel (49) war in diesem Jahr die 60. Neuaufnahme in der Geschichte des Tisches. Was hat ihn hingezogen? „Es ist einfach eine schöne Idee, neue alte Neumünsteraner kennenzulernen. Die Runde macht Spaß.“

Eines hat sich gegenüber früher geändert: die Trinkgewohnheiten. „Früher gab es Korn und Bier satt. Heute fahren die meisten selber mit dem Auto nach Hause – und dürfen das auch“, sagt Anders Stüwe. Nie geändert hat sich, dass Frauen kein Mitglied werden können. Aber einmal im Jahr laden die Stammtischbrüder ihre Ehefrauen zum Spargelessen ein. Auch das ist ein Teil der Tradition, die sich wohl nie ändern wird.

Am 10. Oktober gibt es eine Jubiläumsveranstaltung. Der Oberbürgermeister spricht ein Grußwort, und Wolfgang Krickhahn erzählt die Geschichte des Stammtisches. Und, ganz traditionsbewusst, haben die Mitglieder sich die Repräsentanten der ältesten Institutionen, Firmen und Vereine Neumünsters als Gäste eingeladen.

Alle Mitglieder seit 1924 bis heute:

Aufnahme 1924: Paul Kröger, Weinhandel; Adolf Lammers, Direktor Gaswerke; Adolf Möller, Eisenwarenhändler; Ernst Dose, Geldverleih, Vertreter; Adolf Springe, Tuchfabrikant; Eugen Schiemann, Dekorateur; Ernst Meihs, Waffenhändler; Gustav Heinrich, Stadtoberinspektor; Emil Tödt, Klempnermeister; Adolf Petersen, Tischlermeister; Aufnahme 1925: Hermann Gottschalk, Kohlenhändler; Hans Wagner, Baumeister; Willi Schaaf, Dentist; Walter Wohldorf, Gewerbelehrer; Johannes Hein, Landwirt; Aufnahme 1932: Hans Köster, Eisenwarenhändler; Aufnahme 1938: Fritz Schlüter, Klempnermeister; Aufnahme 1942: Hans Popp, Bäckermeister; Aufnahme 1946: Heinz Ludewig, Brauereidirektor; Aufnahme 1948: Heinz Kresse, Chefarzt; Rudolf Meier, Sattler; Wili Duggen, Obst- u. Gemüsehändler; Fritz Möller, Tierarzt; Franz Kahlert, Bankdirektor BfG; Aufnahme 1950: Hermann Uhlemann, Möbelverkäufer; Aufnahme 1952: Ewald Schultze, Meiereidirektor; Aufnahme 1953: Wolfgang Fechner, Journalist; Fritz Borchert, Braumeister; Aufnahme 1955: Otto Techau, Bankdirektor BfG; Aufnahme 1956: Heinrich Janssen, Braumeister; Wilhelm Pohlmann, Brauereidirektor; Friedrich-K. Mayer, Versicherungskaufmann; Aufnahme 1965: Wilhelm Köster, Schlachtermeister; Paul-Otto Wittko, Schrotthändler; Dieter Bollmeyer, Ing., Oberflächenveredler; Hermann R. Stock, Ing., Maschinenbauer; Christian Fr. Peter Bäckermeister, Stadtpräsident; Kurt Kröger, Hotelier; Aufnahme 1971: Anders Stüwe, Brauereidirektor; Aufnahme 1973: Hans H. Gripp, Tierarzt; Aufnahme 1965: Lisa Kröger, Gastwirtin (Ehrenmitglied); Aufnahme 1973: Wolfgang Krickhahn, Dipl. Volkswirt; Heinrich Thomas, Schmiedemeister; Aufnahme 1984: Peter Hinrichsen, Eisenwarenhändler; Uwe Müller, Bankdirektor; Edlef Jensen, Tischlermeister; Aufnahme 1987: Günter Meier, Sattler, Polsterer; Aufnahme 1994: Ludger Vossmann,  Textilkaufmann; Aufnahme 1995: Hans-Walter Lorenzen, Bauingenieur; Aufnahme 2001: Rüdiger Kaiser, Geschäftsführer; Hans Krumbholz, Rechtsanwalt; Aufnahme 2005: Hans Woelke, Dipl.Ing., Lebensmittelfachmann; Aufnahme 2010: Josef Alznauer, Kaufmann; Thomas Hildebrandt, Hotelier/ Gastronom; Hans Iblher, Schulrektor; Bernd Mathiessen, Versicherungskaufmann; Axel Schroeder, Urologe; Eckhart von Stülpnagel, Galerist; Diethold Standky, Finanzwirt; Aufnahme 2014: Oliver Hüttel Oberstleutnant.

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