Kitastreik : Den Eltern geht die Luft aus

Sie pochen auf eine schnelle Einigung der Streikparteien: Kreiselternvertreterin Marion Khabiri (von links) mit Enkelin Paula (5), Paulina (5) und ihre Mutter Joyce Gundlach sowie Monique Grage und ihr Sohn Collin (3) leiden unter dem Betreuungsproblem.
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Sie pochen auf eine schnelle Einigung der Streikparteien: Kreiselternvertreterin Marion Khabiri (von links) mit Enkelin Paula (5), Paulina (5) und ihre Mutter Joyce Gundlach sowie Monique Grage und ihr Sohn Collin (3) leiden unter dem Betreuungsproblem.

Mütter und Väter aus den bestreikten Kindertagesstätten fordern eine schnelle Einigung. Vielen drohen finanzielle Nöte und Probleme im Beruf

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27. Mai 2015, 07:30 Uhr

Neumünster | Für viele Eltern ist das Ende der Belastbarkeit erreicht. Seit 13 Tagen sind die neun kommunalen Kindertagesstätten in Neumünster wegen des Streiks der Erzieher geschlossen. Betroffen sind rund 730 Kinder (der Courier berichtete). Die Dauer-Jonglage um die Betreuung des Nachwuchses zerrt an den Nerven, geht ins Geld und gefährdet manchen Job sowie die Finanzierung des Familienurlaubs. Und auch die Kinder sind todunglücklich mit der Situation. Deshalb fordern die Eltern nachdrücklich eine schnelle Einigung.

Joyce Gundlach läuft allmählich die Zeit davon. Eigentlich ist ihre Tochter Paulina (4) in der Kita in Wittorf bestens untergebracht, doch der Streik wirbelt das Familienleben durcheinander. Bis zum 1. Juni kann die Neumünsteranerin sich an ihrer Arbeitsstelle noch frei nehmen, dann beginnt eine wichtige Fortbildung – Aufschub unmöglich. Ein paar Tage lang werden dann vormittags die Patentante und nachmittags die Oma Paulina hüten. Doch die Großmutter des Kindes ist auch berufstätig, und auch deren Urlaub geht zu Ende. Zum Schichtdienst kann sie Paulina nicht mitnehmen.

Ähnlich geht es Monique Grage. Sie wollte gerade eine neue Stelle antreten, weil sich ihr Sohn Collin (3) in der Kita Gartenstadt gut eingelebt hatte. Jetzt muss sie erst noch weiter zu Hause bleiben und ihren Kleinen betreuen.

Einen Platz in den Notgruppen einiger Kitas konnten beide nicht ergattern. „Die Plätze wurden an berufstätige Eltern vergeben und waren rasend schnell weg“, so die Eltern. Die Kinder mit zur Arbeit zu nehmen, ist auch keine Option. „Da könnte man keine Minute ruhig arbeiten“, wissen die Mütter.

„Die meisten Eltern sind am Ende“, sagt Kreiselternvertreterin Marion Khabiri, die ihre Enkelin Paula Conrad (5) zurzeit rund um die Uhr betreut, weil auch die Kita Schwedenhaus geschlossen bleibt. Bei Marion Khabiri steht zurzeit das Telefon nicht still. Viele verzweifelte Eltern rufen an und suchen Rat. Zwar hätten in Neumünster die meisten Mütter und Väter Verständnis für den Streik und unterstützten die Forderungen der Erzieher, weil sie deren Arbeit sehr schätzten. „Doch lange halten die Eltern diese Situation nicht mehr durch“, sagt Marion Khabiri. Mittlerweile gibt es extreme Notlagen: „Eine Mutter hier aus der Stadt ist allein erziehend und wird bei der Arbeit nach Stunden bezahlt. Jetzt kann sie wegen des Streiks nur reduziert arbeiten und weiß nicht mehr, woher sie die Miete nehmen soll“, berichtet Monique Grage.

Eine Freundin von Joyce Gundlach musste sich bereits eine Tagesmutter nehmen, um ihren Job nicht zu gefährden. „Dafür geht jetzt das gesparte Urlaubgeld drauf“, weiß die Mutter.

Die Eltern fordern deshalb eindringlich, dass sich die beiden Parteien endlich aufeinander zubewegen und schnell zu einer Lösung kommen. Deshalb werden sie am Donnerstagnachmittag demonstrieren (siehe Kasten).

Ihr Hauptanliegen ist dabei die Sorge um die Kinder, denn die leiden nach mehr als zwei Wochen Dauerstreik ebenfalls enorm. „Ihr ganzer Alltag ist durcheinander. Zuhause können wir ihnen all das gar nicht bieten, was sie in der Kita bekommen“, sagen die Mütter übereinstimmend. Collin zum Beispiel vermisst von Tag zu Tag seine Erzieherinnen Nadine und Julia mehr. Und auch die Sehnsucht nach seinen Freunden Finn und Felix wächst. Pauline möchte endlich wieder mit ihren Freundinnen spielen. Auch Paula würde gern wieder in den Kindergarten gehen, denn sie hat viel zu erzählen. Mit ihrer Oma hat sie bisher das Beste aus dem Streik gemacht und die Zeit genutzt. „Ich habe jetzt mein Seepferdchen und kann Inliner fahren. Aber meine Freundinnen wissen das noch gar nicht – und das finde ich blöd“, sagt sie.

KOMMENTAR

Von Dörte Moritzen

Für manche Familie wird der Streik noch weit reichende Folgen haben.  Bei den  einen  steht der Job   auf dem Spiel, bei den anderen  verbrauchen teure Betreuungskosten  die Urlaubskasse. Oder die Urlaubstage der Eltern gehen drauf. Denn heutzutage hat bei Weitem nicht jeder  Oma oder Opa vor Ort.   Und auch das beste  Netzwerk wird nach endlosen Streikzeiten mal brüchig. Leider gehören die  heutigen Eltern    zu denen, von denen die Gesellschaft stets Flexibilität verlangte. Für einen sicheren  Arbeitsplatz muss der gut ausgebildete Mittelstand schon mal klaglos die heimische Scholle verlassen und tut es auch, auch wenn dann  der Zusammenhalt  der Familie fehlt. Stattdessen  vertrauen die Eltern     auf gute  Betreuungsangebote – und stehen jetzt ganz gewaltig im Regen.  Sicher ist: Es ist durchaus etwas anderes, ob irgendwo die Maschinen ein paar Wochen lang still stehen oder die Postpakete liegen bleiben. Hier geht es um Menschen. Also ist Eile geboten!

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