Validation : Demenz-Training für Angehörige: Warum das Gebiss im Blumentopf landet

1,6 Millionen Menschen mit Demenz leben in Deutschland.
1,6 Millionen Menschen mit Demenz leben in Deutschland.

Cilly Borgers ist Demenz-Expertin. In Neumünster gibt sie Workshops für Angehörige und erklärt die Krankheit.

shz.de von
01. Januar 2018, 18:50 Uhr

  • Hermann* ist frisch verliebt. Er schwebt im 7. Himmel. Wenn da nur seine Mutter nicht immer neben ihm sitzen und weinen würde. Die Frau, die er Mutti nennt, ist seit 50 Jahren mit ihm verheiratet. Hermann hat das vergessen. In seiner Welt ist er jung, unverheiratet und frisch verliebt.
  • Martin* will zur Arbeit und steht wie immer morgens um fünf Uhr auf. Aber warum ist seine Zimmertür abgeschlossen? Er muss doch los.
  • Erika* hat keine Zeit zum Essen. Sie muss laufen, laufen, laufen. Warum wird sie festgehalten? Warum guckt der fremde Mann in ihrem Zimmer immer so böse?

Hermann, Martin und Erika (Namen zum Schutz der Patienten geändert) – drei Menschen – eine Krankheit. Sie sind an einer Form von Demenz erkrankt. Eine Diagnose mit vielen verschiedenen Gesichtern und unterschiedlichen Namen.

Alzheimer ist die bekannteste und am häufigsten verbreitete Form. Ihr Anteil liegt bei etwa 60 Prozent. In Schleswig-Holstein leben 57.600 Patienten mit der Diagnose Demenz. Mit einem Anteil von 66 Prozent sind die Frauen stärker betroffen, als Männer. Das ergab eine Studie der Alzheimer-Gesellschaft 2015. Darin ist auch zu erkennen, wie die Zahlen kontinuierlich steigen. In den letzten zwölf Jahren sind 20.000 Menschen mehr an demenziellen Erscheinungsformen erkrankt.

Drei von vielen Biografien, die zeigen, wie belastend die Situation für Angehörige ist. Gesunder Körper, schrittweiser Verfall des Geistes. Davor haben viele Angst. Demenzielle Erkrankungen sind nicht heilbar. Aber es gibt Wege, den Alltag für Patienten und Angehörige leichter zu gestalten. Was passiert überhaupt mit den Menschen im Verlauf der Erkrankung? Wie erleben sie ihr Umfeld? Warum werden manche aggressiv, depressiv, nicht mehr händelbar? Und wie verhalte ich mich, wenn scheinbar keine Kommunikation mehr funktioniert?

Workshops für Angehörige

Eine Expertin auf diesem Gebiet ist Cilly Borgers. In der DRK-Fachklinik Hahnknüll in Neumünster ist sie regelmäßig zu Gast, um in Workshops Angehörige und Mitarbeiter zu schulen. Die gelernte Krankenschwester und Dozentin arbeitet seit Jahrzehnten in diesem Bereich. Unter anderem in der Vorzeige-Einrichtung „Haus Schwansen“ in Rieseby im Kreis Rendsburg-Eckernförde. Dort leben nach einem besonderen Therapiekonzept 61 Menschen mit Demenz ein würdiges Leben, angepasst an ihre individuellen Bedürfnisse. Validation ist eine wertschätzende Haltung, die für die Begleitung von Menschen mit Demenz entwickelt wurde. Die Integrative Validation nach Nicole Richard (IVA) ist eine Weiterentwicklung und soll unter anderem den enormen Stress für die Erkrankten reduzieren, sie in ihren Bedürfnissen wahrnehmen und eine Kommunikation möglich machen. Auch im gerontopsychiatrischen Wohnbereich im Hahnknüll wird unter anderem mit dem Konzept gearbeitet.

Validation - was ist das genau?

Validation ist zum einen eine wertschätzende Haltung, die für die Begleitung von Menschen mit Demenz entwickelt wurde. Sie basiert auf den Grundhaltungen der klientenzentrierten Gesprächsführung nach Carl Rogers und hat zum Ziel, das Verhalten von Menschen mit Demenz als für sie gültig zu akzeptieren.

Zum anderen ist das Validieren eine besondere Kommunikationsform, die von einer akzeptierenden, nicht korrigierenden Sprache geprägt ist, die die Bedürfnisse des betroffenen Menschen versucht zu verstehen und zu spiegeln.

Die Methode der Validation wurde zuerst von Naomi Feil entwickelt. 

Nicole Richard, eine deutsche Psychogerontologin, entwickelte im Rahmen einer bundesweiten Arbeitsgruppe die Methode der Validation weiter und nannte ihre Methode Integrative Validation (IVA). Ihr Ansatz sieht es als Aufgabe an, Menschen mit Demenz in ihrem aktuellen Sein und ihrer aktuellen Befindlichkeit anzunehmen. Nach Richard hat dies zur Folge, dass die betroffenen Menschen ruhiger werden, weil sie sich verstanden fühlen.

 

„Stellen Sie sich ein Bücherregal vor. Darin stehen viele, verschiedene Bände nebeneinander. Das sind die Bücher Ihres Lebens. Kindheit, Pubertät, Berufswahl, Partnerschaft, Kinder, Hobbys und viele mehr. In der Reihenfolge des Alters. Plötzlich fällt ein Buch heraus. Vielleicht das der Heirat. Aber Sie merken es nicht. Sie können es nicht registrieren, denn das ist Ihre Krankheit. Sie wissen nicht mehr, dass Sie verheiratet sind. Nach und nach fehlen immer mehr Bände des Lebens.“

Cilly Borgers versucht, den Anwesenden ein Bild zu vermitteln, was bei der Krankheit Demenz im Kopf passiert. Sie erzählt von den verschiedenen Stadien, die oft mit einer leichten „Tüddeligkeit“ beginnt. Die Betroffenen selber versuchen, im Anfangsstadium häufig Strategien zu finden, ohne eine Erklärung für die ihnen da noch bewusste eigene Veränderung zu haben. Sie finden Ausreden, Schuldzuweisungen oder leugnen, wenn Dinge verschwunden sind, sie sich auffällig verhalten. So dauert es meist eine Weile, bis es zur Diagnose kommt. Das große Vergessen setzt meist in der Gegenwart ein. Die Betroffenen verlieren nach und nach aktuelle Erinnerungen ihres Daseins. Andere weit zurückliegende Ereignisse bleiben dagegen eher erhalten.

„Wir achten auf das Gefühl, nicht auf die Sache“

All das macht Angst und verändert die Menschen massiv in ihrer Persönlichkeit. Auch hier in vielen verschiedenen Ausprägungen. „Sie müssen sich vorstellen, dass die Situation für den Betroffenen sehr beunruhigend und beängstigend ist.“ Das erklärt die teilweise heftigen Reaktionen von Traurigkeit, Wut oder Aggression. Und dann stehen Angehörige oft hilflos davor und wissen nicht weiter. „Die Realität können sie vergessen“, weiß Borgers. „Wenn Ihr Angehöriger wütend, traurig oder ungeduldig ist, gehen Sie drauf ein. Das nimmt den Stress aus der Situation.“

Die erfahrene Dozentin nennt viele Beispiele aus ihrem Alltag, in denen die Validation zur Anwendung kommen kann. Episoden, die vielen Anwesenden vertraut sind.

Was macht das Gebiss im Blumentopf?

Foto: Imago/Imagebroker
 

Immer wieder haben Cilly Borgers und ihre Kolleginnen Zahn-Prothesen eingegraben in Blumentöpfen gefunden. Und sich natürlich gewundert. Sie wurden gereinigt, im Bedarfsfall ersetzt. Bis zum nächsten Mal. „Die Patienten haben einfach vergessen, wozu sie diese Dinger brauchen. Sie wissen es nicht mehr. In ihrer Welt können sie damit nichts mehr anfangen. Sie können jetzt zwei Sachen tun: Entweder immer wieder neue Prothesen anschaffen, suchen, anschaffen und immer weiter oder Sie nehmen es einfach an und lassen sie weg.“ Die Situation annehmen, wie sie ist, auch wenn es sich zuerst komisch anfühlt. Versuchen, einen Weg zu finden, der gut für den Patienten ist. Das meint Validation.

Auch dafür hat sie verschiedene Beispiele:

  • Eine Bewohnerin, die sehr jung an Demenz erkrankt ist, hat sich immer auf den Boden in ihrem Zimmer geschmissen und sich dabei auch verletzt. „Wir konnten sie nicht davon abbringen. Aber was konnten wir tun, wenn wir dem Prinzip des Annehmens folgen? Wir haben ihr Zimmer mit vielen, dicken Teppichen ausgestattet. Jetzt verletzt sie sich nicht mehr.“
  • Ein Demenzkranker, der einen ungebremsten Bewegungsdrang hat, müsste man theoretisch zur Essenszeit festschnallen. Das wird ihm Angst machen. „Wir lassen ihn lieber laufen und reichen das Essen während des Laufens.“ Ein anderer Bewohner muss unbedingt zu seiner Arbeit als Handwerker. In seinem Zimmer wurde sein Arbeitsplatz eingerichtet.

Immer wieder schlüpft Cilly Borgers in die Rolle eines Demenzkranken, bezieht die Zuhörer in Rollenspiele mit ein und gibt Ratschläge für verschiedene Situationen. Ah, so kann es auch gehen.

Viele nicken erleichtert mit den Köpfen. Immer wieder ermuntert sie die Menschen, sich in das Gefühl des Erkrankten zu begeben. „Wir achten auf das Gefühl und nicht auf die Sache.“ Und erläutert immer wieder den Begriff validieren. „Ich erkenne an, wie dieser Mensch sich fühlt. Holen Sie Ihren Angehörigen nicht in unsere Realität. Nicht diskutieren, nicht konfrontieren, nicht korrigieren und schwächen Sie nicht seine Gefühle ab.“

„Menschen mit Demenz können glücklich sein, ...“

Auf den Umgang kommt es an. /Symbolbild.
Foto: Imago/Martin Wagner
Auf den Umgang kommt es an. /Symbolbild.
 

Viele der Angehörigen kämpfen immer wieder mit den Tränen. „Diese Krankheit ist ein Abschied nehmen mitten im Leben“, weiß Cilly Borgers. „Das ist sehr hart für Angehörige.“

Die meisten haben lange Leidenswege hinter sich. Sie wollen verstehen. Sie wollen annehmen. Aber es tut doch so weh. Lange haben sie versucht, den Krankheitsverlauf zu Hause alleine zu bewältigen. Und sind dabei bis an ihre Grenzen gekommen. Körperlich, seelisch, manche auch zusätzlich finanziell. Viele sind mit der Situation heillos überfordert. Sie wollen ihre Partner, Eltern oder Ehefrauen nicht ins Heim abschieben. Diesen Weg nehmen viele Betroffene als Scheitern wahr und wählen ihn erst, wenn es gar nicht mehr geht. Und erleben schließlich doch die Unterstützung in einer Einrichtung mit einem speziellen Wohnbereich für Demenz-Patienten als Erleichterung.

Cilly Borgers ermutigt auch noch mal fröhliche und positive Dinge zu tun, sich zu erinnern, was der Betroffene gerne gemacht, gegessen oder als Hobby hatte. Und spricht zum Schluss noch mal klare Worte zu einem hochemotionalen Thema: „Menschen mit Demenz können glücklich sein, wenn man nicht dauernd an ihnen rummacht.“

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