Fachklinik Hahnknüll in Neumünster : Demenz-Therapie: Wie Malen gegen das Vergessen hilft

Kunsttherapeutin Berit Lux arbeitet mit Demenzkranken. Unsere Reporterin hat sie einen Nachmittag begleitet.

shz.de von
01. Januar 2018, 18:50 Uhr

Neumünster | „Bunter Nachmittag“, da denkt man gleich an Tanz, Luftschlangen und lustige Spiele. Im gerontopsychiatrischen Wohnbereich der Fachklinik Hahnknüll in Neumünster verbirgt sich dahinter ein besonderes Angebot. Eine Kunsttherapie für Menschen mit Demenz. Drei Mal in der Woche treffen sich die Bewohner. Sie können beim Malen zur Ruhe kommen und sich mit ihren Bildern auf eine besondere Art ausdrücken.

Einen Arzt erkennt man meist am weißen Outfit. Und eine Kunsttherapeutin? Im Fall von Berit Lux an ihrer markanten türkisfarbenen Ponysträhne. Türkis ist frisch, strahlend, klar und außerdem ihre Kraftfarbe. Daher trägt sie auch gerne passende Kleidung.

Berit Lux ist Kunsttherapeutin. Von Therapie will sie heute aber nicht reden.
Alexandra Brosowski

Berit Lux ist Kunsttherapeutin. Von Therapie will sie heute aber nicht reden.

 

Diese Klarheit strahlt sie auch aus. Ihre fröhliche und offene Art ist ein wichtiger Herzensöffner für die Bewohner, denn die sind alle schwer krank. Seit drei Jahren bietet die 48-jährige Kielerin Gestalt- und Kunsttherapie in allen Wohnbereichen der Fachklinik an. Jeder Bereich mit seinen unterschiedlichen Krankheitsbildern erfordert andere Herangehensweisen.

Warum eigentlich „bunter Nachmittag“?

Es geht um Farbe, um das Malen, ohne es zu benennen. Denn dann würden einige nicht kommen. Ein einfaches Wort, leicht zu verstehen. „Und nicht abschreckend“, erklärt Berit Lux die Wortwahl. „Wenn wir es Kunsttherapie nennen, traut sich keiner mehr.“ Das Angebot soll möglichst niedrigschwellig und einladend sein. Es geht weniger um Können, sondern um den Kontakt, das Miteinander und das Versinken in die Tätigkeit. Malen bietet hier eine große Vielfalt an Ausdrucksmöglichkeiten. „Es geht um Ruhe, Zeit und Wertschätzung. Die Bewohner sind dann im Hier und Jetzt und so kommt man gut in Kontakt.“

<p>Auf dem Tisch stehen viele bunte Farben - selbstverständlich ungiftig.</p>
Alexandra Brosowski

Auf dem Tisch stehen viele bunte Farben - selbstverständlich ungiftig.

 

Dreimal in der Woche bereitet Berit Lux den großen Raum im gerontopsychiatrischen Bereich vor. Viele bunte Flaschen mit ungiftigen Farben. Nicht unwichtig, falls ein Patient mal einen Schluck aus der Buddel nimmt. Auf jeden Platz legt sie große, weiße Blätter, stellt viele Pinsel bereit, hängt Malkittel über die Stühle, reicht Wasser und Saft. Das Angebot ist immer freiwillig und offen. Die Bewohner entscheiden nach Tagesform.

Heute ist es nur eine kleine Gruppe. Sie haben am Tag zuvor einen Ausflug unternommen. Einige Mitbewohner wollen lieber ausruhen. Hilde, Maria und Ernst haben Lust auf Farbe. Die Ankunft erfolgt nach einem festen Ritual. Maria geht erst einmal zur Kommode und rückt vermeintlich schiefe Dinge grade. Bald sitzen alle in ihren Schutzkitteln vor dem Blatt. Jeden fragt Berit Lux nach den Wunschfarben. Auch ein Thema hat sie angeboten. Heute geht es um das Meer. Dafür entscheiden sich Hilde und Ernst. Maria hat eigene Ideen. Alles ist möglich.

<p>Das Meer ist das Thema. Aber ist der Strich nicht viel zu schief? Demenz-Patienten hadern oft mit sich selbst.</p>
Alexandra Brosowski

Das Meer ist das Thema. Aber ist der Strich nicht viel zu schief? Demenz-Patienten hadern oft mit sich selbst.

 

Berit Lux hat eine belebende Wirkung auf die Gruppe. Das tut auch gerade heute Not, denn Maria hat Kopfweh und lange überlegt, überhaupt zu kommen. Und Ernst ist heute auch nicht zufrieden mit sich und der Welt. „Das ist doch ganz schief“, betrachtet er kritisch sein Werk. „Ich kriege heute nichts auf die Reihe.“ Er ist zunächst zögerlich und überlegt, wieder zu gehen. Doch mit viel Geduld und ein bisschen Ablenkung gelingt der Stimmungsumschwung. Chronisch kranke Menschen leiden häufig unter Schwermut und Antriebslosigkeit. Ein sanfter Schub ins Leben kommt manchmal gerade recht. Hier geschieht es über die Kunst.

Eine Zeit lang hört man nur das leise Gleiten der Pinsel auf dem Papier. Konzentriertes Arbeiten. Berit Lux freut sich über die Arbeitsatmosphäre. „Das tut ihnen gut, zu versinken. Wie eine Meditation.“ Und dann fangen sie doch an zu erzählen. Sie erinnern sich an Reisen von früher. Über die Farben, das Malen und das Thema können sich Erinnerungsfenster öffnen. Und wenn sie einfach nur Spaß haben – auch gut.

Maria hat Durst und hebt ihr Glas: „Prost kleine Dame, Prost Britta.“ Britta, die eigentlich Berit heißt, schmunzelt und stößt mit der Gruppe mit einem Glas Selter an. Die Bewohner haben viel Humor und können sich durchaus auch selber auf die Schippe nehmen. Sie reden über den Ausflug vom Vortag:

„Waren wir Kaffee trinken gestern?

 Ja, wir waren doch in Ratzeburg?

 „Und was haben wir da gemacht?

 Na Kaffee trinken?

Leises Gelächter am Tisch.

Neuer Dialog:

„Sie war schon öfter hier.“

 „Ich nicht.“

„Aber wir sind doch immer zusammen hier.“

 „Kann ich mich gar nicht dran erinnern.“

Wieder wird gekichert.

Berit Lux beobachtet viel, versucht auch außerhalb der Stunden mit den Bewohnern in Kontakt zu kommen. Viele Wege führen an den Maltisch. Sie hört zu, fragt nach, interessiert sich. Manchmal lockt sie damit auch härtere Fälle aus der Reserve. In der Fachsprache werden sie Menschen mit herausforderndem Verhalten genannt. Dabei geht es nicht darum, die Gruppe zu füllen, sondern um die wohltuende Wirkung des Malens. „Auch die Unruhigsten kommen zu sich und können im Tun versinken.“ Einige Bewohner bekommen auch Einzeltherapie. Sie kennt die Biografien und kann entscheiden, wer vielleicht über das Malen einen besseren Zugang zu sich selbst findet.

Manch einer blüht regelrecht auf. „Eine Teilnehmerin hat ihr ganzes Leben lang nur gearbeitet und noch nie gemalt. Jetzt würde sie am liebsten jeden Tag mit den Farben arbeiten.“

Die Krankheit hat bei vielen Patienten große Erinnerungslücken gerissen. Manchmal kommen beim Malen längst vergessene Fertigkeiten oder Episoden aus dem Leben wieder hoch. Andere zeigen großes Talent. Auch die kleine Runde geht heute zufrieden. Die Kopfschmerzen sind vergessen. Und auch Ernst ist am Ende mit seinem Werk froh. Dafür haben sie sich schöne Geschichten erzählt. Vom Meer, vom Reisen und von früher. Ein guter Tag.

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