Paris-Attentat : „Das Wort Islam bedeutet Frieden“

„In Neumünster gibt es eine Kultur des Miteinander“ (von links): Murat Korkmaz, langjähriger Vorsitzender der Islamischen Gemeinde Neumünster (IGN), Imam Muammer Muslu (Fatih-Moschee), Cengiz Bozkurt (IGN-Vorstand) und Fazli Tuncer (IGN-Vorsitzender) verurteilen das Attentat von Paris aufs Schärfste, sehen die Lage in Neumünster aber als friedlich.
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„In Neumünster gibt es eine Kultur des Miteinander“ (von links): Murat Korkmaz, langjähriger Vorsitzender der Islamischen Gemeinde Neumünster (IGN), Imam Muammer Muslu (Fatih-Moschee), Cengiz Bozkurt (IGN-Vorstand) und Fazli Tuncer (IGN-Vorsitzender) verurteilen das Attentat von Paris aufs Schärfste, sehen die Lage in Neumünster aber als friedlich.

Muslime verurteilen einhellig den „menschenverachtenden Anschlag“ in Paris / Aufklärung über den Islam tut not / In Neumünster gibt es eine „Kultur des Miteinanders“

shz.de von
13. Januar 2015, 05:00 Uhr

Neumünster | Nach dem Anschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ marschierten am Sonntag in Frankreich Millionen von Menschen, um ihren Protest auszudrücken und für die Meinungsfreiheit einzutreten. In der Islamischen Gemeinde Neumünster und den drei zu ihr gehörenden Moscheen ist das ein wichtiges Thema. In den Freitagsgebeten wurde eine Fürbitte für die Opfer und das Beileid an die Familien ausgesprochen. Der Tenor: Dieser Terrorakt hat nichts mit dem Islam zu tun.

„Terroristen haben keine Religion. Das Wort Islam bedeutet Frieden. Es stört uns gewaltig, dass man den Islam missbraucht“, sagt Muammer Muslu, Imam der Fatih-Moschee an der Friedrichstraße im Courier-Gespräch. Alle Befragten verurteilen den „feigen, menschenverachtenden Anschlag“ aufs Schärfste“. Imam Muslu und Fazli Tuncer, Vorsitzender der Islamischen Gemeinde Neumünster, zitieren den Propheten Mohammed: „Wenn einer einen Menschen tötet, so ist es, als ob er eine ganze Welt getötet hat.“ Tuncer stößt bei Gesprächspartnern immer wieder auf Nichtwissen: „Wir machen viele Besuche und erklären, wer wir sind.“ Ausdrücklich gelobt wird die Zusammenarbeit mit dem Rathaus, der Polizei, der Feuerwehr und anderen Institutionen.

Tuncer kritisiert die Wortwahl in den Medien: Von „islamischem Terror“ zu sprechen, sei falsch. Man sage ja auch nicht „christlicher oder jüdischer Terror“. Keine Religion, weder der Islam noch das Judentum noch das Christentum habe etwas mit Terror zu tun, betont Tuncer.

„Dieser Akt der Unmenschlichkeit ist ein feiger Hinterhalt. Das ist ein Anschlag auf alle Menschen. Die Opfer haben unser Mitgefühl“, sagt Imam Hüseyin Aydin (Ditib-Ulu-Camii-Moschee, Kieler Straße 85).

Die Lage in Neumünster sieht die Islamische Gemeinde als friedlich. „Neumünster hat eine Kultur mit 116 Nationen, wir sind deswegen ganz ruhig“, sagt Imam Muslu. Murat Korkmaz, langjähriger Vorsitzender der Islamischen Gemeinde, verweist auf über 20 Jahre interreligiösen Gesprächskreis. Allerdings, ergänzt Tuncer, gelte es, vor allem auf Kinder und Jugendliche zu achten.

Imam Ihsan Toköz von der Merkezefendi-Moschee an der Christianstraße hat in Frankreich gelebt. „Die Sicherheitskräfte sind dort stabil, in Deutschland fühle ich mich aber noch sicherer“, sagt er. Auch er betont: „Wir Muslime sind gegen Terror. Das hat nichts mit dem Islam zu tun.“ „Uns ist nichts Negatives aufgefallen“, sagen Imam Hüseyin Aydin (Ulu-Camii-Moschee), Mehmet Özdemir, Vorsitzender des Moscheevereins, und sein Stellvertreter Mehmet Alikeles.

Ob am Arbeitsplatz oder beim Teetrinken – das Thema bewegt viele Menschen mit islamischen Wurzeln. „Das ist ein brisantes Thema. Für Menschen mit Vorurteilen ist das ein gefundenes Fressen. Doch wir sind ein Teil dieser Gesellschaft, ich bin für eine Kultur des Miteinanders – unabhängig von Religion, Herkunft, Hautfarbe“, sagt Vahap Kurnaz, der als Fußball-Schiedsrichter bekannt ist.

Kommentar

Bitte keine Sippenhaft

von Dörte Moritzen

Die Sorgen der Muslime vor oberflächlicher Vorverurteilung ihrer  Religion  sind durchaus berechtigt. Zu häufig werden zurzeit auf  Stammtischniveau  Islam und Islamismus gleichgesetzt. Gefährliche Strömungen wie Pegida, die seit Wochen von Überfremdung faseln und immer mehr Anhänger finden,  sind  ebenso beunruhigend wie die Anschläge in Paris, die  Wasser auf die rechtsradikalen Mühlen sind.   Dass sich die Neumünsteraner Muslime nach all den Jahren des Zusammenlebens   hier  sicher und verstanden fühlen und  von einer Kultur des Miteinanders sprechen, ist erfreulich. Doch ausruhen darf sich die Gesellschaft darauf  nicht. Es gilt  wachsam zu bleiben, damit  niemand für die Taten der feigen Terroristen einfach in Sippenhaft genommen wird.

Mehr Salafisten in der Stadt

Neumünster Die Zahl  der von Verfassungsschutz derzeit beobachteten Salafisten in Neumünster ist in den vergangenen Wochen gestiegen. Das teilte Ove Rahlf vom Innenministerium  gestern auf Courier-Anfrage mit. Während im November noch von 25 Personen ausgegangen wurde (der Courier berichtete), hat der Verfassungsschutz mittlerweile 30 Islamisten im Visier. Als Anlaufstelle  der Radikalen   gilt nach wie vor die Darul-Arqam-Moschee, die sich  an der Christianstraße  in einem Hinterhof befindet.Ob  auch hiesige Salafisten  in das Jihadgebiet Syrien ausgereist sind, ist unklar. „Es  liegen zwar Einzelhinweise zu möglichen Fällen vor, allerdings hat der Verfassungsschutz   keine konkreten Erkenntnisse über eine mögliche jihadistische Motivation“, hieß es. Kontakte zu  radikalen Kreisen in  Frankreich sind nicht bekannt. (mor)

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