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Gerichtsbericht : Das Opfer brach im Prozess zusammen

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Bluttat im Auto: Gestern sagte die Nebenklägerin aus.

von
erstellt am 05.Feb.2016 | 07:00 Uhr

Neumünster | Eigentlich hatte die Zeugin (37) die schlimmsten Schilderungen bereits hinter sich. Doch dann brach sie gestern am zweiten Verhandlungstag laut schreiend im Kieler Landgericht zusammen. Zu stark waren offenbar die Erinnerungen an die beinahe tödliche Messerattacke. Nur knapp überlebte die Mutter dreier Kinder den blutigen Angriff ihres ehemaligen Lebensgefährten (43) am 18. Juni vergangenen Jahres. Als sie damals kurz vor Mitternacht mit ihrem Auto vor ihrer Wohnung an der Wasbeker Straße ankam, soll der Mann die Wagentür aufgerissen und sich mit einem Messer auf sie gestürzt haben. Jetzt muss sich der Neumünsteraner kurdischer Herkunft wegen versuchten Mordes verantworten (der Courier berichtete).

Die Aussage fiel der Arzthelferin, die einst neben ihrem Beruf noch Geld als Pflegerin dazuverdiente, sichtlich schwer. Am ganzen Körper zitternd nahm die Nebenklägerin im Zeugenstand Platz. Immer wieder wurde sie von Weinkrämpfen geschüttelt, während sie die Jahre mit dem Angeklagten beschrieb. Was sie schilderte, glich einem Martyrium. Angriffe aus drei Jahren zählte sie auf. Nichts konnte den Mann demnach aufhalten: Weder Interventionen der Familie noch Anzeigen und Gespräche bei der Polizei oder Begleitungen durch Freunde und auch kein gerichtlich angeordnetes Kontaktverbot, das es ihm eigentlich untersagte, sich der Frau mehr als 50 Meter zu nähern.

Detailliert erinnerte sich die Neumünsteranerin an große und kleine Qualen schon während der Beziehung: „Um mich zu bestrafen, verbot er mir, unseren kleinen Sohn zu stillen. Der schrie vor Hunger, ich habe so gebettelt“, erzählte sie. Immer wieder setzte es Schläge, drohte er mit einem Messer, verletzte die Mutter seines Kindes. Eine Trennung kam erstmal nicht in Frage. „Ich war ja schon mal geschieden – als Türkin. Ein zweites Mal wäre undenkbar“, so die Frau. Im Herbst 2014 wagte sie es mit Hilfe einer Freundin dennoch. Doch ihre Befürchtungen wurden bestätigt. Immer wieder lauerte er ihr auf dem Weg zur Arbeit auf, randalierte vor der Haustür, drohte, beleidigte und griff sie und ihre Freundin an, die sie zum Schutz stets begleitete.

Den Messerangriff im Auto schilderte sie Zeugin gestern noch relativ gefasst: Wie er mit erhobenem Messer in der Dunkelheit hinter den Mülltonnen hervorkam, die Tür aufriss, sie neben das Auge, in die Wange, in die Beine, die Finger, die Schulter und Richtung Genitalien stach. „Ich wollte nicht sterben“, flüsterte sie leise. Wenig später wurde sie panisch: „Er wird mich umbringen! Ich weiß es! Bringt mich hier raus!“ schrie sie mit überschlagender Stimme. Auch vor dem Saal war die Frau lange nicht zu beruhigen.

Nach wie vor hat sie große Schmerzen, befindet sich mit ihren Kindern außerdem in einer Trauma-Therapie.

Vor ihrer Aussage hatte ein Polizist geschildert, wie er den Angeklagten damals am Gürtel aus dem Auto zog. „Er hatte das Messer noch in der Hand. Ich brachte ihn auf den Boden, trat aufs Handgelenk. Da hat er vor Schmerz losgelassen und ich kickte das Messer weg“, so der junge Beamte.

Der Angeklagte ließ über einen Anwalt eine lange Erklärung verlesen. Darin schilderte er seine Liebe zu der Frau und die schwierige Beziehung. „Ich bin Kurde, sie Türkin. Ihre Familie wollte das nicht“, hieß es. Einige Vorwürfe wies er von sich, fühlte sich stattdessen von seiner Frau und deren Freundin aufgelauert und verfolgt. „Ich wollte sie zurückgewinnen und meinen kleinen Sohn sehen“, ließ er verlesen. An die Messerattacke erinnerte er sich bruchstückhaft, beteuerte aber: „Ich hatte nie den Plan, sie zu töten. Ich hoffe, sie und die Kinder können mit verzeihen. Der Prozess wird fortgesetzt.

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