Lokales Bündnis : Das Leiden der Kinder aufbrechen

Haben die Eltern psychische Probleme, leiden die Kinder fast immer mit. Weil sie sich die Krankheit der Eltern nicht erklären können, fühlen sie sich nicht selten schuldig am Zustand ihrer Eltern.
Haben die Eltern psychische Probleme, leiden die Kinder fast immer mit. Weil sie sich die Krankheit der Eltern nicht erklären können, fühlen sie sich nicht selten schuldig am Zustand ihrer Eltern.

Das Lokale Bündnis für Familien will auf das schwere Los von Kindern mit psychisch kranken Eltern aufmerksam machen. Für den 18. Juni ist ein Thementag geplant.

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03. Juni 2015, 08:00 Uhr

Neumünster | Jonas ist zehn und liebt Fußball, aber seinem Freund Tom hat er auch heute wieder abgesagt, zum Kicken auf dem Bolzplatz zu kommen. Die anderen aus seiner Klasse wollen sowieso nichts mit ihm zu tun haben, weil er „immer so komisch ist“ . Dabei hat Jonas bloß keine Zeit. Er muss nachher noch zum Einkaufen und sich eine neue Ausrede für den Hausmeister ausdenken, warum der auch heute wieder nicht die seit Wochen kaputte Waschmaschine angucken kann. Aber niemand darf wissen, dass Mama heute morgen wieder nicht aufgestanden ist. Warum nur ist sie immer so schlecht gelaunt und hat Kopfschmerzen? Hat er Mama vielleicht nicht lieb genug? Manchmal wünscht sich Jonas, er wäre gar nicht da, dann würde es ihr bestimmt besser gehen . . .

Der kleine Jonas ist frei erfunden, seine Geschichte dennoch leider nicht weit von der Realität entfernt: Zwischen einer und vier Millionen Kinder (so schätzen Experten) leben in Deutschland mit einem psychisch kranken Elternteil zusammen – mit teils dramatischen Folgen für die Entwicklung und Zukunft dieser Kinder. Bricht man die Zahlen auf Neumünster herunter, dürfte es hier vorsichtig geschätzt bis zu 1000 Kinder und Jugendliche geben, die unter dem Leiden ihrer Eltern leiden – zumeist unbemerkt oder unbeachtet von Nachbarn und dem Umfeld. Denn psychische Krankheiten sind aller Aufklärung zum Trotz noch immer ein gesellschaftliches Tabu, das vor tuschelnden Nachbarn gern verborgen wird. Für Kinder ist das eine nahezu ausweglose Situation, die sie auf Dauer fast zwangsläufig zerbricht.

Das Lokale Bündnis für Familien (siehe Infokasten) hat sich daher vorgenommen, die Situation von Kindern psychisch kranker Eltern in diesem Jahr in den Mittelpunkt seiner Aktionen zu stellen. Mit einem öffentlichen Thementag am 18. Juni will das Bündnis das schwierige Thema aus der Tabuzone holen. Betroffene, professionelle Helfer und engagierte Bürger sollen miteinander in Kontakt kommen oder Hilfsangebote vorstellen, die zur Entlastung der betroffenen Familien beitragen könnten. Wiebke Schubert vom Verband „Angehöriger psychisch Kranker“ in Nordrhein-Westfalen, selbst Tochter einer schizophrenen Mutter, wird über ihre Erfahrungen berichten und dabei auch klarstellen, welche Hilfen sie sich als Kind gewünscht hätte. Der Kurzfilm „Lilli“ schildert am Beispiel eines jungen Mädchens den typischen Leidensweg einer Betroffenen. Kurze Vorträge sollen zur Diskussion einladen, die dann in kleinen Podiumsrunden vertieft werden kann.

Dabei versteht sich der Thementag sowohl als Informationsbörse für alle, die sich besser informieren wollen, als auch als Forum für engagierte Helfer, Lehrer, Erzieher und Nachbarschaftshilfen, die sich vorstellen oder mit anderen Helfern vernetzen möchten.

Wer sich auf dem Thementag selbst mit einbringen möchte, kann unter Tel. 942-2557 mit Jörg Asmussen vom Fachdienst Frühkindliche Bildung der Stadt Kontakt aufnehmen.

Der Holsteinische Courier wird das Projekt des Lokalen Bündnisses als Medienpartner begleiten und stellt im Vorwege des Thementags professionelle Einrichtungen vor, die betroffenen Kindern und Eltern weiterhelfen.

Das lokale Bündnis für Familien ist ein  Zusammenschluss aus Vertretern von Ratsparteien und Verwaltung, der sich seit 2006  mit gezielten Aktionen und Projekten bemüht, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern, das Miteinander der Generationen zu fördern und die Familien in ihren verschiedenen Erscheinungsformen zu stärken. So hat das Bündnis unter anderem zuletzt die Qualität von Neumünsteraner Schulmensen auf den Prüfstand gestellt, Übergewicht bei Schulkindern problematisiert, für mehr  Familienfreundlichkeit in  Betrieben  geworben oder familienfördernde Bürgerinitiativen öffentlich ausgezeichnet.

Gesteuert wird das Lokale Bündnis von einer Lenkungsgruppe. Neben Vertretern der Jugend- und Sozialbehörden gehören ihr derzeit als Parteienvertreter  Dietrich Mohr (SPD), Sandra Weiß (CDU), Gabriele Plambeck (Grüne) und Diana Scholz (FDP) an. Den Vorsitz hat Sozialdezernent Günter Humpe-Waßmuth.

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