zur Navigation springen

Bordesholm : „Das ist ein Wechselbad der Gefühle“

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Ehrenamt mit Freude und Leid: Jürgen Prade betreut ehrenamtlich sieben junge Männer aus Afghanistan.

Bordesholm | Viele Menschen leisten ehrenamtlich unschätzbare Hilfe, wenn sie den neu eingetroffenen Flüchtlingen unter die Arme greifen und ihnen das Ankommen in der fremden Kultur erleichtern. Etwa 100 Menschen aus dem 14 000 Einwohner fassenden Amt Bordesholm engagieren sich in dem 2014 gegründeten „Freundeskreis der Asylsuchenden in Bordesholm“. Einer von ihnen ist Jürgen Prade (66). Der ehemalige Bankkaufmann hat sich eine enorme Verantwortung auferlegt: Er hat eine Patenschaft für sieben Flüchtlinge aus Afghanistan übernommen.

„Die haben so viel Elend erlebt und sind traumatisiert. Uns geht es so gut. Die Flüchtlingshilfe ist eine sehr wichtige Aufgabe“, sagt der Bordesholmer. Seit dreieinhalb Jahren ist Jürgen Prade zwar offiziell im Ruhestand, Zeit zum Beinehochlegen hat er aber kaum: „Ein Wochenende ohne einen meiner Schützlinge ist eine Ausnahme.“ Als Pate hat er es sich zur Aufgabe gemacht, den sieben jungen Männern im Alter von 16 bis 22 Jahren an allen Ecken des Lebens zu helfen. Etwa 20 Stunden in der Woche ist er für die Geflüchteten unterwegs, fährt im Monat rund 500 unbezahlte Kilometer zum Arzt, zu Rechtsanwälten, zur Ausländerbehörde in Rendsburg, hilft bei Familienzusammenführungen und unterstützt beim Asylverfahren.

Das sei alles andere als gemütlich zusammen Tee zu trinken und Mensch-ärger-dich-nicht spielen, betont Jürgen Prade. „Ich habe schon viel mitgemacht in meinem Leben, aber was ich hier erlebe, ist ein extremes Wechselbad der Gefühle.“ Afghanen haben gegenüber Syrern ein sehr langes Asylverfahren zwischen zwei und drei Jahren, erzählt der kundige Rentner. Außerdem sei die Ablehnungsquote bei ihnen höher. „Da kommt Neid auf in der afghanischen Community.“ Als einem seiner Schützlinge die Abschiebung droht, liegen auch bei Jürgen Prade die Nerven blank: „Das waren schlaflose Nächte für mich.“ „Bleibestrategien auszuloten, ist mein Hauptjob“, erklärt Jürgen Prade, der sich übrigens als Atheist sieht. Die jungen Menschen wachsen ihm ans Herz, er fühlt sich für sie verantwortlich: „Sie sind fast wie Enkelkinder für mich. Was ich leiste, ist auch ein Teil Erziehung.“

Kürzlich war er verärgert, als er erfahren hat, dass zwei seiner Zöglinge seit zwei Wochen die Schule schwänzen. „Das sind meine ,Sorgenkinder’. Die beiden sind 22 Jahre alt und Analphabeten. Sie sollen Deutschkurse an der Walther-Lehmkuhl-Schule in Neumünster machen. Angeblich fehlte ihnen das Fahrgeld. Es stimmt, dass sie wenig Geld haben, viel geht für Rechtsanwaltskosten drauf. Aber sie hätten sich melden sollen, der Freundeskreis hätte geholfen“, berichtet Jürgen Prade.

Aber es gibt auch schöne Momente, für die sich der Einsatz lohnt. Ein Beispiel bietet Shahram (22), dem Jürgen Prade im August zu einer Lehrstelle als Koch im Hotel Carstens verholfen hat. Der Afghane ist seit zwei Jahren in Bordesholm, lebt in einer karg eingerichteten Ein-Zimmer-Wohnung und erzählt auf Deutsch: „Jürgen ist ein Vertrauensmann, er hilft mir immer, wie jetzt bei Problemen mit meinen Telefonvertrag etwa. Es ist überraschend, dass die Menschen vom Freundeskreis ohne Geld arbeiten. Ich werde nie vergessen, was Jürgen alles für mich getan hat. Mein Vater zuhause sagt am Telefon immer: ,Höre auf das, was Jürgen dir sagt.’ Er ist wie mein Vater.“ Jürgen Prade freut die Herzlichkeit, die er zurückbekommt: „Ich könnte natürlich das machen, was viele Rentner machen: Auf dem Sofa sitzen und auf den Tod warten. Aber etwas bewegen zu können, ist ein tolles Gefühl.“ 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert