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ECE-Center Neumünster : Das Hotelchen: Abriss nach nur 19 Jahren

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Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Marlies und Johannes Tietgen haben das Haus gebaut und es bis zuletzt besessen. Auf dem ehemaligen Gerberei-Standort gab es viele Altlasten.

shz.de von
erstellt am 12.Apr.2014 | 11:00 Uhr

Neumünster | Das Mobiliar ist versteigert, die Fenster herausmontiert, der Abriss rückt nahe: Für Rosi Hildebrandt (52) ist der Anblick ihrer ehemaligen Wirkungsstätte traurig. 19 Jahre lang empfing sie Gäste aus aller Welt in ihrem „Hotelchen“ am Teich 5-6, darunter diverse Fallada-Preisträger, den TV-Gärtner John Langley oder eine Kronprinzessin aus Thailand. Viele Anekdoten bleiben unvergessen: „Die Zeit ist so schnell vorbeigegangen, das waren meine glücklichsten Arbeitsjahre“, sagt sie.

Gebaut haben das schmucke Gebäude damals der Unternehmer Johannes Tietgen (Tietgen Haustechnik) und seine Frau Marlies. Sie investierten 1995 drei Millionen Mark. Den Tietgens hat das Haus gehört, bis sie es jetzt an ECE verkauften.

Früher war das Gelände ein Gerberei-Standort: Erstmals erwähnt wurde 1816 ein Gerber namens Nicolas de la Roi; zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Inhaber Johann de la Roi. Bis 1939 stand dort die Lohgerberei Johannes de la Roi, in der Rohhäute in Gruben gewaschen, enthaart, konserviert, gegerbt und veredelt wurden – überwiegend für Rohlinge, aus denen Schaftstiefel gefertigt wurden. Als die vom Gummistiefel verdrängt wurden, musste der Betrieb 1939 schließen; nach dem Zweiten Weltkrieg verfielen die Gebäude. Im Adressbuch 1965/66 wird ein Rentner Johannes de la Roi erwähnt, der am Teich 5 wohnte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg stand auf dem Grundstück lange ein Eiswagen, erinnern sich Marlies und Johannes Tietgen. An der Fabrikstraße standen langgezogene Garagen.

Als die Tietgens das Grundstück gekauft hatten und bauen wollten, hatten sie mit erheblichen Altlasten zu kämpfen, denn bei der Gerbung wurden in früheren Zeiten Fungizide, Benzin, Toluol, Xylol und weitere Chemie eingesetzt. Außerdem war der Boden mit Milzbranderregern kontaminiert. Die Stadt untersuchte das Grundstück aufgrund einer bundesweiten Aktion für alle Gerberei-Standorte. „Es handelte sich um einen weniger schweren Befall“, erinnert sich Johannes Tietgen. Der Boden wurde abgetragen und entsorgt.

Die Idee, ein Hotel zu bauen, kam durch Gespräche mit dem Gastronomen Thomas Hildebrandt, der seit 1988 den Pressekeller im Untergeschoss des Courier-Hauses am Gänsemarkt führte. „Es fehlten Übernachtungsmöglichkeiten in der Innenstadt“, sagt Tietgen. Architekt war Peter Bergner. Auf dem 1300 Quadratmeter großen Grundstück entstanden in dreigeschossiger Bauweise auf 800 Quadratmeter Nutzfläche 16 Zimmer mit mediterranem Ambiente. „Ich hatte mich immer aufgeregt über die Standardmöblierung in anderen Hotels, nun musste ich es anders machen“, sagt Rosi Hildebrandt, die das Hotel mit ihrem damaligen Mann eröffnete – am 1. Juli 1995. Zwei Monate vorher waren im Untergeschoss des Neubaus die Buchhandlung Barbara Matthée sowie die Modeboutique Christiane Lorenzen eingezogen.

Vom ersten bis zum letzten Tag gehörte Christina Fischer dazu, die gute Seele des Hauses. Die heute 69-Jährige kennt sie alle – Fallada-Preisträger Ralph Giordano („der wollte immer das Zimmer 24“), Ralf Rothmann, Bernhard Schlink, aber auch bekannte Künstler wie Matthias Reim („der wollte immer nur weiße Handtücher“), Bernhard Brink, der Rührei und Hagebuttentee favorisierte, die Flippers, Karl Dall, Monika Peitsch, Harry Rowohlt oder Achim Ditzen, Sohn von Hans Fallada.

Dazu kamen unzählige Hochzeitspartys, Urlauber auf der Durchreise nach Dänemark, Gäste aus den USA oder manch Karstadt-Chef während der Probezeit. Bereits 2002 hörte Barbara Matthée mit ihrer Buchhandlung auf, danach logierte dort bis 2006 eine Versicherungsagentur, bis 2012 folgte eine Vermögensberatung. 2007 zog die Boutique aus.

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