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Gewalt in der Familie : Das Frauenhaus ist so voll wie selten

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

139 Frauen suchten in diesem Jahr mit ihren Kindern Schutz vor prügelnden Lebenspartnern. Frauenrechtlerinnen rufen zum Hinschauen auf

von
erstellt am 25.Nov.2015 | 16:50 Uhr

Neumünster | Gewalt in der Familie ist kein Kavaliersdelikt – und kommt häufiger vor als viele glauben: Allein in diesem Jahr (Stand: 20. November) suchten 139 Frauen mit insgesamt 147 Kindern im Frauenhaus Neumünster Schutz vor prügelnden Ehemännern oder Freunden – so viele wie selten zuvor. „Wir sind total überbelegt“ , klagte gestern Elika Degenhardt, Mitarbeiterin im Autonomen Frauenhaus.

Gerade mal 20 Wohnplätze können die Betreuerinnen des anonymen Hauses Frauen anbieten, die sich vor Schlägen und Attacken des „Partners“ in Sicherheit bringen wollen. Die meisten kommen mit ihren Kindern und erst dann, wenn es gar nicht mehr anders geht. Die Betroffenen stammen aus allen sozialen Schichten, die meisten sind zwischen 20 und 40 Jahre alt und haben bereits eine lange Leidensgeschichte hinter sich. Es gibt nicht wenige, die bereits mehrmals die Hilfe des Frauenhauses in Anspruch genommen haben und dann doch wieder zu ihren gewalttätigen Partnern zurückkehren – manche „der Kinder wegen“ oder in der vagen Hoffnung, dass sich doch noch alles zum Guten wenden könnte. Warum es in diesem Jahr so viele sind, kann auch Elika Degenhartdt nicht erklären. „Möglicherweise trauten sich einfach mehr Frauen, diesen Schritt endlich zu tun.“

Ihre Erfahrung macht deutlich, warum Aufklärung über das immer noch streng tabuisierte Thema Gewalt in der Familie so Not tut. Seit Montag bekommen die Frauenrechtlerinnen dabei wieder kräftig Unterstützung durch die Gleichstellungsstelle der Stadt und die Bäckerinnung. Unter dem Motto „Gewalt kommt nicht die Tüte“ verteilen die Bäckereien in der Stadt seit Wochenbeginn rund 35  000 Brötchentüten mit dem Aufdruck der Notrufnummer, die den Frauen den Einstieg in den Ausstieg aus der Gewalt ermöglichen soll. Gestern wurde die Aktion ausgeweitet: Freiwillige Helferinnen von Frauenhaus und Gleichstellungsstelle packten am Morgen 2200 Brötchentüten mit frischen von den Bäckern gestifteten Schrippen, die anschließend in 24 Kindertagesstätten verteilt wurden. In vielen Kitas sprachen die Helferinnen die Eltern direkt an und verteilten Infomaterial, in anderen konnten sich die Väter und Mütter der Betreuten passiv mit Broschüren über Hilfsangebote bedienen. Natürlich sind die Eltern nicht alle selber Betroffene, stellte die Gleichstellungsbeauftragte Michaela Zöllner gestern bei der Vorstellung der Aktion klar: „Aber das Thema kommt auf den Tisch!“ Zöllner forderte dazu auf, noch genauer hinzuschauen, um das Thema aus dem Dunkeln zu holen und Betroffenen zu helfen.

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