„Das Exil hat ihn kaputt gemacht“

Patricia Schwarzer (von links), Hildiss Schleifer und Gisela Friese unterhielten sich auch nach der Lesung noch mit Hannelore Matz über verfemte Dichter.
Patricia Schwarzer (von links), Hildiss Schleifer und Gisela Friese unterhielten sich auch nach der Lesung noch mit Hannelore Matz über verfemte Dichter.

Hannelore Matz las im Kulturverein am Waschpohl aus Friedrich Torbergs „Der Schüler Gerber“

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20. November 2015, 00:37 Uhr

Der Schriftsteller und Publizist Friedrich Torberg bezeichnete sich selbst gerne als „Weltbürger ohne Heimat“. 1908 als Sohn jüdischer Eltern in Wien geboren, floh er nach fünfjährigem Publikationsverbot 1938 über die Schweiz nach Frankreich und dann in die USA. Erst 1951 kehrte Torberg nach Österreich zurück, wo er 1971 in seiner Geburtsstadt Wien starb.

„Friedrich Torbergs großes schriftstellerisches Talent zeigte sich bereits sehr früh“, sagte Hannelore Matz. Am Dienstagabend las die pensionierte Lehrerin im Kulturverein Dada am Waschpohl (KDW) vor nur wenigen Besuchern aus dem Erstlingswerk des damals 21-jährigen Torberg. „,Der Schüler Gerber‘ wurde zu einem riesigen Erfolg, innerhalb eines Jahres in sieben Sprachen übersetzt und Friedrich Torberg in die legendäre ,Prager deutsche Dichterszene‘ aufgenommen“, berichtete die Referentin. An diesen Erfolg habe der Schriftsteller Zeit seines Lebens nicht mehr anschließen können, so Matz. „Dabei hatte Torberg das Zeug zu einem großen Literaten“, erläuterte die studierte Germanistin.

Ihrer Meinung nach blieb Friedrich Torberg langfristiger Ruhm verwehrt, weil die politischen Verhältnisse ihn zur Flucht und daraus abgeleitet zur Heimatlosigkeit zwangen. „Das Exil hat ihn kaputt gemacht“, sagte Hannelore Matz. „Einmal exiliert – immer exiliert“, zitierte sie Marcel Reich-Ranicki.

Für Hannelore Matz steht Friedrich Torberg exemplarisch für die vielen „Autoren, die staatlichen Repressalien ausgesetzt waren oder sind“. Deshalb passe er ihrer Meinung nach gut in die Lesereihe, die die Neumünsteraner Gruppe von Amnesty International in unregelmäßigen Abständen im KDW veranstaltet.

Der nächste Termin der Lesereihe über „Autoren, die staatlichen Repressalien ausgesetzt waren oder sind“ ist am 9. Februar. Dann liest Dr. Peter Spilok aus „Das Guatanamo-Tagebuch“ von Mohamedou Ould Slahi.



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