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Holsteinischer Courier

21. September 2017 | 01:53 Uhr

Theater : Das Dorf als Zentrum der Verlogenheit

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Theatersatire „Die Glückskuh“ erwies sich als Glücksgriff.

Neumünster | „Die Glückskuh“ – das klingt gut! Am Sonnabend wollten 400 Theaterbesucher wissen, wer sich hinter dem Autor Hermann Essig verbirgt und warum sich das Landestheater entschlossen hat, dieses unbekannte, gut 100 Jahre alte, gar nicht so lustige „Lustspiel“ zu spielen.

Das satirisch gefärbte Stück erwies sich als durchaus noch aufführbar, und die Theatermacher brachten eine in sich geschlossene, auf einen von allen Mitspielern konsequent durchgehaltenen Ton gestimmte Inszenierung auf die Bühnenbretter. Dazu entwarf Mirjam Benkner ein trügerisch-idyllisches Ambiente und malerisch-bäuerliche Kostüme – und eine Glückskuh.

Hinter scheinbarer Naivität taten sich böse, durchtriebene menschliche Abgründe auf. Und genau das mag Regisseur Wolfram Apprich und sein Team gereizt haben, die „Glückskuh“ auf ihre Gegenwartstauglichkeit abzuklopfen und Allgemeingültiges aufzudecken.

Der Autor Hermann Essig (1878-1918) bewegte sich im Kreise der Expressionisten um Frank Wedekind im Berlin zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Er stammte aus dem württembergischen Treuchtelfingen und das miefige, bäuerliche Milieu erschien ihm besonders geeignet, um seinen Zeitgenossen die Leviten zu lesen. In seinen Gesellschaftssatiren mit stark karikierten Figuren aus Dorf- und Kleinstadtleben stellte er schonungslos schlecht verborgene Instinkte und Leidenschaften aus. Und damit traf er wohl den Nerv seiner Zeit, hatte mit etlichen Stücken Erfolg, wurde von namhaften Regisseuren inszeniert und erhielt 1913 und 1914 den Kleist-Preis.

Gerne rückte Essig Frauen in das Zentrum seiner „Volksstücke“ – Frauen, die Courage haben, die ihr Schicksal und ihr Glück selbst in die Hand nehmen und den duckmäuserischen Mannsleuten zeigen, wo’s lang geht.

So eine Frau ist auch das Rebekkle Palmer – ein sehr hübsches und begehrtes Mädel. Sie aber liebt nur den Helm Schwarz, und er sie auch. Doch da sie keine Mitgift hat, er aber ein reicher Hoferbe ist, kann er sie nicht heiraten, denn „es ist nicht Brauch, dass man eine heiratet, die nix hat, aber auch gar nichts“. Was tun, damit der Vater des erwarteten Kindes sich zu ihr bekennt? Als dann plötzlich eine schöne, schwarz-bunte und trächtige Kuh ins Dorf kommt, die das Rebekkle „gekauft“ hat, reißen sich die Burschen und selbst die hohe Obrigkeit um die nun stattliche Partie. Alle lügen, dass sich die Balken biegen, schwören sämtliche Meineide und sind nur auf Eigennutz bedacht.

Sehr gelungen die Phalanx der Familienclans: Familie Schwarz (Thyra Uhde, Lorenz Baumgarten, Reiner Schleberger, Anna Franck); Sohn und Mutter Kolb (Stefan Wunder und Karin Winkler); Vater Palmer (Uwe Kramer) und auch das Rebekkle (gekonnt naiv und zielstrebig Alexandra Pernkopf). „Die Glückskuh“ bringt ihr am Ende wirklich Glück und den richtigen Mann – und dem Ensemble freundlichen Beifall.

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