Kolumne : Da war reines Fremdschämen angesagt

Die Ratsversammlung: Als so genannte Selbstverwaltung kontrolliert sie die Verwaltung.
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Die Ratsversammlung: Als so genannte Selbstverwaltung kontrolliert sie die Verwaltung.

In der Sitzung des Hauptausschusses fielen harte Worte. Ratsmitglieder entschuldigten sich für den CDU-Fraktionschef

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05. Juli 2015, 15:00 Uhr

Neumünster | Über alle möglichen Themen kriegen sich die Kommunalpolitiker gern mal in die Flicken, aber die Leute von CDU und SPD haben offenbar einen gemeinsamen Lieblingsgegner: die Stadtverwaltung. Seit Gerd Kühl und Uwe Döring die beiden großen Fraktionen führen, wird das immer deutlicher. Besonders der steile Aufstieg von Kühl zum CDU-Fraktionschef hat eine neue Dimension mitgebracht.

Okay, im Rathaus passieren immer mal wieder absonderliche Dinge – und andere passieren eben auch nicht, sondern bleiben liegen. Dafür sind die Beamten schon oft genug verhauen worden, auch von dieser Stelle. Im Hauptausschuss war in dieser Woche allerdings reines Fremdschämen angesagt.

Da regte sich der Vorsitzende Gerd Kühl schon gleich zu Beginn fürchterlich auf. Er habe erst am Morgen erfahren, dass die Verwaltung einen externen Experten aus Berlin zu dieser Sitzung eingeladen hatte. Der Mann saß im Zug nach Neumünster und wäre eine gute Stunde später eingetroffen, aber Kühl ließ ihn augenblicklich anrufen und ausladen. Der Experte stieg in Hamburg aus und fuhr zurück nach Berlin. Der Mann ist jetzt bestimmt restlos begeistert von Neumünster. Und eine fette Rechnung für die Stunden im Zug wird er trotzdem schreiben.

Im nicht-öffentlichen Teil der Sitzung soll Kühl die anwesenden Vertreter der Verwaltung dann noch kräftig ausgezählt haben. Das muss so schlimm gewesen sein, dass sich anschließend mehrere Ratsmitglieder bei den Mitarbeitern dafür entschuldigt haben. So mancher der Beamten hatte auch gehofft, dass ihr Chef, der OB, die Stimme erhebt, sich vor seine Leute stellt und sich zumindest den Tonfall des Angriffs verbittet, aber die Stimme blieb stumm. Nur die Personalratsvorsitzende Sabine Heidebrecht-Rüge war es, die einen Versuch in dieser Richtung unternahm.

Sie hatte sich schon im öffentlichen Teil der Sitzung zum hohen Krankenstand im Rathaus zu Wort gemeldet. „Wie die Selbstverwaltung mit der Verwaltung umgeht, ist auch manchmal ein Problem“, sagte sie – und sah sich durch Kühls Auftritt dann vermutlich bestätigt.

Mehrere Politiker hatten in der Sitzung gerade hinterfragt, ob der Krankenstand auch etwas mit der Führung zu tun haben könnte. Das ist sicher eine wichtige Frage, die genau untersucht werden sollte. Aber es kann auch nicht förderlich für die Nerven und letztlich für die Gesundheit sein, wenn man als Mitarbeiter von der Politik immer so heftig auf den Deckel bekommt.

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