Clowns zweieinhalb: Theatergenuss ohne Sprache

Gutes Spiel: Allein die Mimik und Körpersprache der „Clowns“ trieben die Handlung voran.
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Gutes Spiel: Allein die Mimik und Körpersprache der „Clowns“ trieben die Handlung voran.

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22. Januar 2015, 14:05 Uhr

Am Mittwochabend konnte das Theaterpublikum die Typen, die ihnen vom Titelblatt des Jahresprogramms und vom Plakat über dem Bühneneingang an der Stadthalle schon vertraut sind, leibhaftig auf der Bühne sehen. Zu Gast war das Ensemble des „Theaters an der Ruhr“, Spezialisten für ungewöhnliche Inszenierungen, mit ihrem Pantomimenabend „Clowns zweieinhalb“, einem „komisch-musikalischen Unternehmen von Roberto Ciulli und Matthias Flake“.

Aufmerksam, oft erheitert und überrascht, vielleicht auch irritiert und manchmal ratlos folgten rund 400 Besucher dem Geschehen und erlebten eine großartige Ensembleleistung. Pantomime, das bedeutet, dass die Mitwirkenden auf ein wesentliches Element ihrer Darstellungskunst verzichteten. Doch auch ohne Sprache gelang ihnen durch ausgefeilte, „lesbare“ Körpersprache, Mimik und Lautmalerei – unterstützt durch Kostüme, Masken, Lichtgestaltung und Requisiten – ein clownesker, poetischer, berührender, unterhaltsamer, nachwirkender Theaterabend.

Welche Assoziationen stellten sich ein? Zu Beginn ein Klavier auf leerer Bühne, auf die nacheinander acht ganz unterschiedliche Typen/Charaktere traten. Jede Person trug ein Kinderstühlchen, brauchte Abstand zu den anderen, blieb isoliert. Es war erkennbar, dass diese Damen und Herren körperlich und/oder geistig nicht mehr ganz fit waren, dass jeder seine speziellen Macken hatte. Der Gedanke an ein Altenwohlheim mit ritualisiertem Tagesablauf lag nahe, autoritär geführt von zwei „weißen Clowns“, dem Maestro und dem unangenehmen „Giganten“ Buono.

Sie übten die Macht aus über die „roten Clowns“ – jeder ein „dummer August“. In jeder „Runde“, eingeläutet von einem Glöckchen, gruppierten sich die Bewohner neu, nahmen aktiv an den verordneten „Spielvorschlägen“ teil oder unterliefen sie durch Nichtmitmachen, destruktives Verhalten, subversive Opposition. Sie gingen auf die Barrikaden – und scheiterten doch immer wieder. Aufbegehren, Pfiffigkeit, Witz, Komik, Chaos, bitterer Ernst und anrührende Tragik lagen nahe beieinander.

Die Zuschauer sahen, wie aus stillen Zeitungslesern Anarchisten wurden, die die Zeitungen (choreographisch ausgeklügelt) zerfetzten und wie am Besuchstag die Alten völlig unpassende Geschenke erhielten, die sie traurig machten. Sie erlebten einschläfernde Musikstunden mit Pianist und Geiger, „gestört“ von den Bewohnern durch unpassende Geräusche, und „lasen“ bei der „Filmstunde“ den Inhalt des Films aus der Mimik der Darsteller.

Zur großen Solonummer wurde der Tanz zwischen der feinen Dame und dem distinguierten Herrn. Das gebrechliche Paar wurde durch die Musik zu einem wirbelnden Walzer animiert, aus dem (fast) ein „Totentanz“ wurde. Zum Schluss noch eine echte Zirkusnummer: Aus Bauteilen, die zunächst wie Särge anmuteten, wurde in Windeseile ein kleiner Schrank à la Ikea gebaut, in dem – oh Wunder! – alle Bewohner Platz fanden. Mal waren sie drin, mal draußen, bis Prinzipal, Regisseur und Ideengeber Roberto Ciulli persönlich alle aus dem Schrank befreite, damit sie den herzlichen Beifall des Publikums entgegen nehmen konnten.







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