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Tierpark : Chips für die Affen – Ritt auf dem Ziegenbock: Besucher bringen Tiere in Lebensgefahr

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Immer öfter erkranken Tiere im Tierpark, weil Gäste ihnen mitgebrachtes Futter geben. Ein Vater brach beim Ritt auf einem Ziegenbock dem Tier einen Halswirbel.

shz.de von
erstellt am 03.Jan.2016 | 16:08 Uhr

Neumünster | Es könnte eine Szene aus einem Krimi sein: Monatelang forschten die Pfleger im Tierpark akribisch aber ohne Erfolg nach der Ursache für den schlimmen Durchfall bei den Wisenten. Kommissar Zufall brachte sie dann auf die Spur. „Eines Tages entdeckten wir, dass ein älteres Ehepaar eimerweise Äpfel, Birnen und anderes Obst und Gemüse von außen von der Straße über den Zaun auf die Weide kippte“, sagt die zoologische Leiterin Verena Kaspari. Darauf angesprochen gaben die beiden zu, dieses schon über einen längeren Zeitpunkt zu tun, damit die bulligen Rinder sich freuen. „Einsicht, dass sie die Wisente damit in Lebensgefahr gebracht haben, hatten sie nicht“, sagt Kaspari.

Kein Einzelfall: Immer häufiger verfüttern Besucher mitgebrachte Lebensmittel an die Tiere und fügen ihnen damit Schmerzen und Krankheiten zu. Ein Pferd hatte neulich Koliken, ein Schwein verletzte sich schwer, als es versuchte, an einen Zwieback außerhalb des Geheges zu kommen. Die Tierarztkosten für die Einrichtung an der Geerdtsstraße steigen. Ob Chips für die Affen, Kekse für die Schweine oder das meist gut gemeinte alte Brötchen oder die einzelne Karotte für die Pferde. „Die Leute haben immer Ausreden und spielen den Vorfall runter“, sagt die Diplom-Biologin. Manche werden sogar richtig frech. „Eine Familie musste ich des Parks verweisen, weil sie trotz mehrerer Verwarnungen immer weiter Tiere fütterte und noch patzige Antworten gab“, erklärt Verena Kaspari.

Besonders gefährlich ist die Situation, bei Arten, die Hierarchien bilden, etwa die Affen oder die Rentiere. Wird bei ihnen einfach etwas Leckeres ins Gehege geworfen, drängen ranghöhere Tiere rangniedrigere weg und verletzen sie auch dabei. Zudem benötigen manche Vierbeiner aufgrund ihres Alters oder wegen Vorerkrankungen Spezialkost. „Solche Umstände sind den meisten Besuchern überhaupt nicht klar“, weiß die zoologische Leiterin.

Erlaubt ist im Park nur das Wildfutter, das es an der Kasse zu kaufen gibt, und auch das nur bei den Arten, an deren Gehege es steht. „Wir wollten nicht überall Verbote aufhängen, sondern haben es positiv formuliert“, sagt Verena Kaspari. Wer tatsächlich den Tieren etwas Gutes tun möchte und etwa Obst, Gemüse, alte Brötchen oder Kastanien spenden will, kann dies in die bereitgestellten Futtereimer am Eingang werfen. „Die werden regelmäßig von den Tierpflegern geleert, sortiert und das Futter dann in der richtigen Portionsgröße an die Schützlinge verteilt.“

Doch nicht nur falsche Lebensmittel bedrohen den Bestand. Immer wieder steigen Besucher auch in Gehege, klauen Tiere wie die Schildkröten oder aber gehen nicht sachgerecht mit ihnen um – selbst auf der Streichelwiese. „Neulich hat ein Vater zur Freude seines Sohnes einen Ziegenbock an den Hörnern gepackt und ist dann wie auf einem Motorrad mit ihm gefahren. Dadurch hat der Bock sich einen Halswirbel gebrochen, wir mussten ihn einschläfern“, sagt Kaspari.

Als Konsequenz aus den Vorfällen werden die Kontrollen nun verschärft. An Wochenenden und Feiertagen sind Tierpfleger an gefährdeten Gehegen im Einsatz. Und im Notfall macht Verena Kaspari auch vom Hausrecht Gebrauch und setzt Besucher vor die Tür: „Das Geld, das sie einspielen, steht in keinem Verhältnis zu den Kosten für den Tierarzt hinterher“, sagt sie.

Das ist Tierquälerei. Ein Kommentar von Christian Lipovsek

Das ist Tierquälerei: Wer den Tierpark besucht, will durch die Natur wandern und den Tieren so nah wie möglich sein. Deshalb sind viele Zäune in den vergangenen Jahren verschwunden, man kommt leichter an oder sogar, wie bei den Berberaffen, in die Gehege. Doch der Preis ist hoch. Denn einige vermeintliche Tierfreunde oder einfach nur unwissende Besucher, die es meist sogar gut meinen, bringen falsches Futter mit. „Es ist doch nur eine Karotte, nur ein Brötchen“, hören die Tierpfleger oft. Ja, aber auch das kann falsch sein, und was ist, wenn jeder Besucher nur ein Teil mitbringt? Die Tiere werden krank. Dass dies Tierquälerei ist, geht bei vielen leider nicht in den Kopf. Hier ist noch mehr Aufklärung nötig.

 

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