Poststreik : Chefs werden zu Postboten

Um ihre Kunden nicht hängen zu lassen, fährt Malermeisterin Simone Speck die Post nach Feierabend selbst aus.
Um ihre Kunden nicht hängen zu lassen, fährt Malermeisterin Simone Speck die Post nach Feierabend selbst aus.

Betriebe schwenken auf Kuriere, Post-Konkurrenz und E-Mail um. Es drohen Liquiditätsprobleme.

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27. Juni 2015, 05:30 Uhr

Neumünster | Briefmassen, die in Zelten lagern, angedrohte juristische Klagen: Das Ausmaß des wochenlangen Poststreiks wird dramatischer. Neumünsteraner Betriebe befürchten finanzielle Nachteile. Sie setzen verstärkt auf den E-Mail-Verkehr, Fax und die Post-Konkurrenz. Damit ihre Kunden nicht genervt in (leere) Poströhren schauen, fahren die Chefs auch schon persönlich als Kurier los.

„Wir haben vielleicht gerade mal zwei Briefe täglich, und zwar via Nordbrief“, sagt Martina Tambert-Thomas, Geschäftsführerin beim Unternehmensverband. Die Post laufe schon viel über E-Mail. Manchmal müsse aber eine gewisse Form eingehalten werden – wie bei der Einladung zum Kommunalpolitischen Bierabend mit über 300 Anschreiben. „Viele Zusagen sind gekommen, jetzt müssen wir diejenigen raussortieren, die nichts erhalten haben. Das ist echte Zusatzarbeit. So wird der Streik langsam zu einer Belastung“, sagt die Geschäftsfrau.

Besonders für Handwerksbetriebe, die Rechnungen begleichen und auch verschicken müssen, ist der Poststreik ein Ärgernis. Malermeisterin Simone Speck, die Obermeisterin der Maler- und Lackierer-Innung, spricht für viele: „Meine Kunden sind unzufrieden, wenn sie ihre Angebote nicht pünktlich bekommen. Das ist für mich nicht machbar. Gestern bin ich um halb zehn Uhr abends kreuz und quer durch die Stadt gefahren und habe die Post persönlich gebracht.“ Wenn bei kleineren Betrieben Rechnungen nicht hereinkommen, bedrohe das die Liquidität. Umgekehrt ginge der Skonto-Vorteil verloren, wenn Rechnungen zu spät bezahlt werden. Und: Im Poststau könnten auch Ausschreibungen stecken, an denen sie nur bis zu einer bestimmten Frist teilnehmen könne – „man kann nicht abschätzen, wie viel da verloren geht.“ Die 48-Jährige, die seit fast 30 Jahren in der Branche ist, ist kritisch: „Wie weit ist das noch gerechtfertigt?“

Bei der Kreishandwerkerschaft ist die Lage nicht dramatisch, aber spürbar: Geschäftsführer Carsten Bruhn: „Keiner ist mit der Situation glücklich. Der Posteingang ist sehr überschaubar. Manche Meister machen auf ihrer Baustellentour einen Schlenker zur Geschäftsstelle.“ Und manchmal werde etwas antiquiert, aber verzögerungsfrei das „gute alte Fax“ bemüht.

Auch Privatpersonen sind verärgert – wie eine 57-jährige Gadelanderin: „Ich habe 14 Tage keine Post bekommen. Eine Einladung zu einem Sommerfest kam drei Tage zu spät.“ Sie schimpft: „Kita, Bahn, Post – was ist als nächstes dran? Ich komme mir vor wie in Streik-Deutschland!“

Wo in Neumünster zugestellt wird und wo nicht, verrät die Deutsche Post bewusst nicht. „Das ist eine Entscheidung auf Bundesebene. Die Kunden merken es, wenn sie Post kriegen“, sagt Pressesprecherin Maike Wintjen. Briefe und Pakete befänden sich in Stützpunkten, wo sie die Zusteller abholen. Juristische Klagen aus Neumünster seien ihr nicht bekannt. Fotos von der wartenden Post oder Interviews mit Postboten seien nicht gestattet.

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