Neuer Leiter stellt sich vor : Café Jerusalem: „Wir sind ein echter Rettungsanker“ in Neumünster

Das Café ist aktuell zu einem Laden umfunktioniert, in dem sich Bedürftige lebensnotwendige Dinge abholen können. In den Händen hält der neue Chef Siamak Aminmansour eine der Lebensmitteltüten, die dreimal wöchentlich ausgegeben werden.
Das Café ist aktuell zu einem Laden umfunktioniert, in dem sich Bedürftige lebensnotwendige Dinge abholen können. In den Händen hält der neue Chef Siamak Aminmansour eine der Lebensmitteltüten, die dreimal wöchentlich ausgegeben werden.

Siamak Aminmansour hat die Nachfolge von Andreas Böhm als Leiter des Cafés Jerusalem übernommen.

meyer_gunda the real-.jpg von
22. Januar 2021, 07:44 Uhr

Siamak Aminmansour ist der neue Leiter des Cafés Jerusalem an der Bahnhofstraße 44. Der 53-Jährige hat damit die Nachfolge von Andreas Böhm angetreten, der dort 18 Jahre lang die Geschicke geleitet hatte und nun Geschäftsführer beim Kinderschutzbund ist. Im Gespräch mit Courier-Redakteurin Gunda Meyer stellt der Theologe sich vor, spricht über seine neue Aufgabe, Herausforderungen in Coronazeiten und warum sich das Café als Begegnungsort versteht.

Herr Aminmansour, wie sind Sie zum Café Jerusalem gekommen?

Hier kann ich viele meiner Leidenschaften bündeln. Schon früh habe ich mich über Jahre in meiner Jugend bis zu meinem Abitur im Iran für Obdachlose und Flüchtlinge in einer privaten Initiative engagiert. Außerdem liebe ich es, zu schreiben. Schon für einen Radiosender in Süddeutschland habe ich ein eigenes Format mitentwickelt und Texte selbst geschrieben und eingesprochen. Mit der redaktionellen Arbeit für die Zeitschrift „Die Jerusalemmer“ kann ich das hier in Neumünster ein Stück weit fortsetzen.

Wie möchten Sie das Café entwickeln?

Für mich ist es eine Herzensangelegenheit, das Café zu einer echten Begegnungsstätte zu machen, in der Menschen aller Nationalitäten, Religionen, Generationen und sozialer Schichten ins Gespräch kommen. Mir war schon immer der Blick über den Tellerrand wichtig. Ich habe mit 13 Jahren die Bibel gelesen und mich für Jesus entschieden. Da ich als Christ im Iran nicht studieren durfte, arbeitete ich zunächst in einem Hotel am Persischen Golf. Das wurde mir jedoch irgendwann untersagt. Mich zog es zunächst in die USA, dann nach Süddeutschland, wo ich Theologie studiert habe. Vor Ausbruch der Corona-Pandemie bin ich pro Monat rund 5000 Kilometer weit gereist auf meinen Missionen. Der Kampf gegen Rassismus und die Verfolgung unterdrückter Religionen sind für mich sehr zentral. Deshalb auch das Ziel der echten Begegnung.

Die ist in Coronazeiten ja nur sehr eingeschränkt möglich.

Das stimmt, aber wir haben darauf reagiert. Seit dem ersten Lockdown haben wir eine neue Art der Ausgabe von Lebensmitteln montags, mittwochs und freitags von 10 bis 13 Uhr, bei der wir kontaktlos Lebensmittel an die Gäste abgeben. Wir haben bisher so zwischen 60 und 80 Menschen an diesen Tagen versorgt. Wir haben Tüten gepackt, in denen auch Konservensuppen oder Nudeln zum schnellen Zubereiten enthalten sind. Aktuell arbeiten wir an einer Lösung, auch warme Speisen abzugeben. Wir bauen dafür eine Durchreiche. Dieser Anlaufpunkt ist für viele ein großer Rettungsanker, und wir versuchen im Rahmen der Möglichkeiten auch Gespräche zu führen.

Und das Café steht aktuell leer?

Der Cafébetrieb ist natürlich komplett ausgesetzt, aber wir haben den Raum zu einem Lädchen umfunktioniert. Das heißt, einmal in der Woche können unsere Gäste zum Café kommen und dürfen einzeln eintreten, um sich zum Beispiel warme Kleidung oder Hygieneartikel zu holen. Geöffnet haben wir dafür dienstags von 10 bis 12 Uhr.

Das geht ja aber nur, wenn Sie entsprechende Spenden bekommen. Wie verhält sich das in Coronazeiten?

Wir sind immer auf Spenden angewiesen. Wir freuen uns riesig, dass zum Beispiel Neumünsteraner Schüler vorbeikommen und wertige Klamotten oder Schuhe abgeben. Es ist wundervoll, dass sich junge Menschen so reinhängen. Wir verstehen uns als Café auch nur als Mittler: Menschen, die aus Nächstenliebe bereit sind, Geld- oder Sachspenden zu geben, helfen Menschen, die wissen, dass sie bei uns auf Augenhöhe behandelt werden. Wir hoffen auch, dass wir von der Stadt ein bisschen mehr Unterstützung angeboten bekommen.

Was möchten Sie als nächstes anschieben – also im Rahmen der Corona-Möglichkeiten?

Mit der Politik und den Institutionen in der Stadt in den Kontakt treten. Ich würde mir wünschen, dass man mehr Synergien nutzen kann und auch mit anderen Institutionen sich besser vernetzt. Zum Beispiel mit dem Bereich der Flüchtlingshilfe. Einige unserer Gäste sind Geflüchtete und auch ein paar Ehrenamtler sind Flüchtlinge, die einfach ein bisschen zurück geben möchten. Das ist toll.

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