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Zeitschriften-Ende : Brückenschlag: Schluss nach 30 Jahren

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Zeitschrift-Pionier-Projekt gab Psychiatrie-Patienten ein Sprachrohr und baute Vorurteile ab / Ein spezielles Autoren-Netzwerk entstand

shz.de von
erstellt am 30.Apr.2014 | 06:00 Uhr

„Sprich nicht mit den Kranken über ihren Wahn, es macht sie nur kränker“ – dieses Dogma herrschte vor 30 Jahren in psychiatrischen Kliniken. Erfahrungen, Erzählungen, Begabungen der „Insassen“ waren nicht gefragt. Der Sozialpädagoge Fritz Bremer rief gemeinsam mit Henning Poersel den „Brückenschlag“ ins Leben. Diese Zeitschrift wurde 30 Jahre lang ein bundesweites Sprachrohr für psychisch erkrankte Menschen. Die 30. Ausgabe ist die letzte – aus ökonomischen Gründen.

„Leben in Nischen“ lautet der aktuelle Titel, den das Verlagsteam Fritz Bremer, Jürgen Blume, Brigitte Knop und Hartwig Hansen als eine Zusammenfassung der Brückenschlag-Arbeit sehen. „Es ist wertvoll und wichtig, wahrzunehmen, wie kreativ Menschen in Krisen werden, welche beeindruckende Formulierungen oder Bilder sie schreiben oder zeichnen“, sagt Bremer. Der Brückenschlag leistete mit seinem innovativen und wegweisenden Konzept Pionierarbeit, ließ Betroffene zu Wort kommen, schlug wortwörtlich eine Brücke zwischen der „normalen“ und „irren“ Welt. Er widmete sich sowohl psychiatrischen Themen, aber auch Zuständen, die jeder kennt – Einsamkeit, Abschied, Liebe, Gesundheit, Süchte, sexueller Missbrauch oder „Turboleben“. „Es war immer unsere Absicht, ein möglichst facettenreiches Mosaik zu einem Thema zusammenzutragen“, so Bremer. Ein Netzwerk, eine Kultur entstand, denn nach dem trialogischen Prinzip schrieben nicht nur Kranke, sondern auch Psychiatrie-Fachleute, Angehörige und literarische Autoren. Das waren Journalisten oder auch bekannte Schriftsteller wie Wolfdietrich Schnurre, Siegfried Lenz, Hein Hoop (Münchner Lach- und Schießgesellschaft), Werner Landsburg oder Heiner Egge, einmal sogar Richard von Weizäcker mit seinem berühmten Zitat „Es ist normal, verschieden zu sein.“

Der Brückenschlag durchbrach die große Mauer der Isolation, die damals noch um das Thema Psychiatrie lag: „Viele Leute waren mit ihren Gedanken allein, trauten sich nichts zu. Die Veröffentlichung war eine Ermutigung für sie, vor allem, weil man in dieser Lage sehr wenig Selbstbewusstsein hat. Viele haben sich dadurch kennengelernt oder schrieben sogar eigene Bücher wie Sybille Prins“, sagt Mitarbeiter Jürgen Blume, der als Betroffener anfing. Die Zeitschrift wurde im Paranus-Verlag, einem Beschäftigungsprojekt für psychisch erkrankte Menschen, hergestellt. Doch die Abonnentenzahl stagnierte, die Herstellungskosten stiegen. Etwa 3000 Leser hatte der Brückenschlag jährlich, schätzt Bremer, auch wenn nur 800 Exemplare verkauft wurden – zu einem bewusst günstigen Preis. Die Entscheidung für das Aus fiel. Trotz Wehmut sieht Bremer die Erfolge: „Heute gibt es Zeitschriften, Foren, Galerien, Betroffene als Referenten. Da hat der Brückenschlag nicht unerheblich zu beigetragen.“ Alte Bände können unter www.paranus.de bestellt werden.

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