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Einwohnerversammlung : Bordesholm prüft neue Notquartiere für Flüchtlinge

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

300 Bürger erfuhren Neues über die Flüchtlinge. 153 Asylsuchende muss das Amt noch unterbringen, aber Wohnraum fehlt.

Bordesholm | Auf reges Interesse stieß die Einwohnerversammlung zum Thema „Flüchtlingsunterbringung im Amtsgebiet“, die am Donnerstagabend in der Sporthalle der Lindenschule stattfand. Etwa 300 Bürger aus dem Amt Bordesholm folgten der Einladung des Amtsdirektors Heinrich Lembrecht und erhielten von den Podiums-Experten aus Verwaltung, Ehrenamt und Polizei reichlich Informationen. Drei Flüchtlinge berichteten zudem über ihre Situation. Die Veranstaltung verlief durchweg friedlich.

Als „größte Aufgabe der Bundesrepublik seit der Wiedervereinigung“ bezeichnete Heinrich Lembrecht die ad-hoc-Aufnahme und Integration der zahlreichen Flüchtlinge. Als aktuell wichtigstes Problem schilderte der Direktor des Amtes den Wohnraummangel. Nach aktuellen Angaben des Kreises vom 6. Oktober muss das Amt noch 153 Asylbewerber bis zum Ende dieses Jahres unterbringen. „Wir wollen keine Zeltlager, sondern nach wie vor eine dezentrale Unterbringung“, beschrieb Lembrecht das Ziel. Dennoch räumte er ein: „Wir werden wahrscheinlich Notquartiere brauchen.“

Auf Nachfrage einer Bürgerin erklärte der Amtsdirektor, dass aktuell eine Notunterkunft in Bordesholm für etwa 50 Personen möglich erscheint. Geprüft werden zurzeit zwar 15 Standorte, aber lediglich eine mögliche Aufstockung des Rathauses benannte Lembrecht konkret. Die Notquartiere, in denen die Menschen geballt leben, sollen nur eine Zwischenlösung sein, bis neue Wohnungen gebaut worden sind. „Eine sinnvolle Folgenutzung haben wir dabei immer im Auge“, betonte Lembrecht.

Der Bordesholmer Klaus Müller wollte wissen, wer die Unterbringung finanziert. „Bund und Länder erstatten die Unterkunfts- und Lebenshaltungskosten von 540  000 Euro im vollen Umfang. Nicht erstattet werden die erhöhten Personalkosten“, antwortete Lembrecht auf die Frage.

Ein „Stopp“ zur Aufnahme von Flüchtlingen kann keine Gemeinde durchsetzen. „Wir sind zur Aufnahme verpflichtet“, erklärte Lembrecht auf die Frage einer Bürgerin. Viele Besucher erfuhren Neues bei den Ausführungen Rainer Borcherts über die Rechte und Pflichten der Flüchtlinge. „Dass die Flüchtlinge die Telefongebühren selber von ihrem Taschengeld zahlen, wusste ich nicht. Auch die Arbeitsmarktsituation war mir neu“, gab die Wattenbekerin Andrea Winneg zu. So erklärte Borchert unter anderem, dass in den ersten drei Monaten nach Ankunft ein Arbeitsverbot herrscht, danach gilt: Bis zum fünfzehnten Monat bekommt ein Asylbewerber einen Job, sofern kein Deutscher ihn will. Liegt nach fünfzehn Monaten immer noch keine Entscheidung über den Asylantrag vor, wird der Bewerber in eine Krankenkasse aufgenommen und bekommt Geld auf dem Niveau von Sozialhilfe. Ob denn ein Integrationswille überhaupt vorhanden sei, interessierte eine Bürgerin. Ein geflohener, junger Betriebswirt aus Syrien, der namentlich aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden möchte, antwortete: „Viele versuchen, sich der Realität zu stellen und bemühen sich um Anpassung.“

Große Hilfe dabei leistet der ehrenamtlich tätige „Freundeskreis der Asylsuchenden“. So gibt es unter anderem das Projekt einer Patenschaft, das Tinga Horny vorstellte. „Man lernt, dass die Welt aus mehr besteht als Konsumieren und Steuernzahlen“, sagte Tinga Horny, die mit ihrem Mann Flüchtlingen aus Eritrea beim Einfinden in die deutsche Gesellschaft hilft.

Die empathische Stimmung unter den Besuchern bestätigten auch Sieglinde und Kurt Pinnau aus Bordesholm. „Wenn man Diskussionen auf der Straße hört, ist der Konsens ‚Wir wollen helfen.‘ Nach diesem sehr informationsreichen Abend überlegen wir nun auch, eine Patenschaft zu übernehmen“, erklärte das Erzieher-Ehepaar.

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