zur Navigation springen

Boostedt : Boostedter fühlen sich vom Land im Stich gelassen

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Das Innenministerium besteht auf mehr Flüchtlingen und will keine zeitliche Begrenzung zusagen. Die Gemeinde unterschätzte das Interesse der Bürger. Neonazis verteilten eine Hetzschrift.

shz.de von
erstellt am 10.Okt.2014 | 08:00 Uhr

Boostedt | Die Einwohnerversammlung zur geplanten Asylbewerberaufnahmestelle in Boostedt begann gleich mit zwei Tiefschlägen für die Gemeinde: „Ich kann Ihnen weder für eine Anzahl an Asylbewerbern noch zu einer begrenzten Laufzeit eine Zusage geben. Dies wäre nicht statthaft“, sagte die neue Staatssekretärin Manuela Söller-Winkler (SPD) am Mittwochabend im Hof Lübbe. Diese Aussage stieß bei den rund 300 Besuchern im rappelvoll besetzten Saal sofort auf lautstarken Unmut.

Denn zumindest der Zeitraum für die Einrichtung, die in einem Teil der Rantzau-Kaserne geplant ist, war von Söller-Winklers Vorgänger Bernd Küpperbusch in mehreren Aussagen auf fünf Jahr begrenzt worden. Gleichzeitig erteilte die Staatssekretärin der Forderung der Gemeindevertreter, die Zahl der Flüchtlinge auf 250 zu begrenzen, eine Absage. Diese Größenordnung war einst in einer Petition formuliert worden. Mit der neuen Haltung setzt sich das Land über zwei Kernpunkte hinweg, die den Boostedtern wichtig sind.

Entsprechend emotional fielen daraufhin auch die Zwischenrufe aus, denen Bürgermeister Hartmut König (CDU) immer wieder Einhalt gebieten musste. „Wir sind bereit, unser Kreuz zu tragen, aber 250 Asylbewerber sind unsere Grenze“, formulierte unter anderem der Gemeindevertreter Wolfgang Brückner (CDU) den Standpunkt der Gemeinde.

Zwei weitere Themen bestimmten zudem die Anliegen der Boostedter. Zum einen war das Interesse an der organisierten Unterbringung sowie auch an der Versorgung der Flüchtlinge groß. „Die Menschen können doch nicht nur den ganzen Tag da abhängen“, sagte die Bürgerin Annegret Pingel besorgt. „Traumatisierte Menschen neben einer Schießanlage unterzubringen – das sollten Sie überdenken“, forderte dagegen Peter Hasenbein vehement. „Wir werden die Einrichtung im Laufe der Zeit adäquat zur Einrichtung in Neumünster ausbauen. Das betrifft auch den Aufbau einer Polizeistation, einer Küche sowie auch die Unterrichtsversorgung“, erklärte die Staatssekretärin.

Zum anderen standen Fragen nach der Sicherheit für Haus und Hof durch möglicherweise steigende Kriminalität im Vordergrund. Polizeibeamte – unter ihnen der Leiter der Polizeidirektion Neumünster, Bernd Lohse – versuchten, die Ängste vor Kriminalität durch Zahlen zu entkräften. „Aus polizeilicher Sicht sind die aufgenommenen Vorfälle im Zusammenhang mit Asylbewerbern verschwindend gering“, hieß es.

Gleichzeitig befürchten einige Anwohner Werteverfall ihres Eigentums. „Es gibt hier viele junge Familien, die gerade neu gebaut haben. Bei einer Neubewertung durch die Banken könnte das Folgen für deren Finanzierungssicherheit haben“, meinte Guido Schröder.

Der Geschäftsführer der Baugenossenschaft Holstein (BGH), Frank Natusch, bestätigte, dass man das Projekt des altersgerechten Wohnens an der Bahnhofstraße zunächst aus betriebswirtschaftlichen Gründen auf Eis gelegt habe (der Courier berichtete).

Auch wenn es an diesem Abend einige interessante Informationen gab – am Ende der fast dreistündigen Versammlung waren viele Boostedter ernüchtert. „Politischen Aussagen schenke ich ja wohl keinen Glauben mehr“, schimpfte ein Anwohner. „Wir brauchen eindeutig mehr Unterstützung vom Land, um diese Aufgabe in der Gemeinde zu lösen“, meinte ein anderer Bürger.

Laut Bürgermeister Hartmut König will die Gemeinde mit den Einwohnern im Gespräch bleiben. „Es werden neue Fragen kommen, und wenn es Neues aus dem Ministerium gibt, werden wir wieder eine Versammlung einberufen, dann in größeren Räumlichkeiten“, sagte er. Das scheint auch dringend geboten, denn der Saal im Hof Lübbe reichte am Mittwochabend hinten und vorne nicht aus. Rund 40 Boostedter mussten wegen Überfüllung nach Hause gehen. Laut Hartmut König hatte die Gemeinde das Interesse der Bürger völlig falsch eingeschätzt.

Mit Entsetzen nahmen viele Anwohner und Ortspolitiker eine Flugblattaktion der NDP Segeberg zur Kenntnis. Die Neonazis hatten zeitnah zu der Versammlung eine Hetzschrift gegen Flüchtlinge in zahlreiche Briefkästen in der Gemeinde sowie unter Autoscheibenwischer gesteckt. „Wir werden uns hier in Boostedt nicht instrumentalisieren lassen“, erklärte dazu der Bürgermeister.

 

Kommentar von Dörte Moritzen:

Das ist Wasser auf die Mühlen der Neonazis

Ob die Einwohnerversammlung zum Thema Asylbewerberaufnahmestelle  in der Rantzau-Kaserne den  fast 300 Boostedter Bürgern wirklich ihre Sorgen genommen hat, ist mehr als fraglich. Zwar gab es viele Informationen. Und die zuständigen Stellen hatten auch alle kompetente Gesprächspartner geschickt. Doch der Glaube an die Landespolitik wurde dennoch bei manchem Zuhörer massiv erschüttert.

So dringt die Gemeinde  seit Langem darauf, die  Zahl der  Asylbewerber auf 250 zu begrenzen, doch das Land hält an der Unterbringung von bis zu 500 Personen fest.  Am Mittwochabend setzte sich das Ministerium plötzlich zusätzlich über eine vorherige Zusage  hinweg: Von einer zeitlichen Begrenzung auf fünf Jahre wollte Staatssekretärin  Manuela Söller-Winkler  plötzlich nicht mehr viel wissen und ruderte  zurück.

Den einen oder anderen Anwohner dürften derartige Aktionen vor den Kopf stoßen. Vertrauen in die Politik schaffen diese Eskapaden   zumindest nicht. Das ist mal sicher. Und dabei wäre ein positiver Eindruck von den Entscheidungsträgern    für die Boostedter dringend von Nöten. Denn verunsicherte Einwohner sind Wasser auf die Mühlen der Rechtsradikalen, die  in der Gemeinde  bereits in den Startlöchern zu stehen scheinen. Schon vor der Versammlung fanden Anwohner Handzettel der NPD Segeberg in ihren Briefkästen. Weitere Flyer, in denen Flüchtlinge mit windigen Beispielen als Kriminelle verunglimpft werden,  steckten   unter den Scheibenwischern der Autos vieler  Versammlungsgäste – gleich mit Beitrittserklärung.




 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen