Erstaufnahme : Boostedt soll über weitere Jahre Flüchtlinge aufnehmen

Drei Männer, drei Meinungen: Innenminister Hans-Joachim Grote (von links), Behördenleiter Ulf Döhring und Hartmut König, Bürgermeister in Boostedt, blickten auf 25 Jahre Landesamt für Ausländerangelegenheiten zurück.
Drei Männer, drei Meinungen: Innenminister Hans-Joachim Grote (von links), Behördenleiter Ulf Döhring und Hartmut König, Bürgermeister in Boostedt, blickten auf 25 Jahre Landesamt für Ausländerangelegenheiten zurück.

Das Land plant ein Kompetenzzentrum in der Gemeinde. Bürgermeister König: „Die Einrichtung wird zunehmend wieder kritisch beäugt.“

shz.de von
08. Mai 2018, 08:30 Uhr

Boostedt | Eigentlich sollte es ein fröhlicher Festakt zum 25. Geburtstag des Landesamtes für Ausländerangelegenheiten werden. Doch auch einen Tag nach der Kommunalwahl strotzte die Veranstaltung gestern in Boostedt vor zum Teil emotionalen politischen Botschaften. Da passte es, dass Behördenleiter Ulf Döhring vor rund 150 Gästen eingangs mahnte, Kritik sei willkommen, solange sie sachlich vorgetragen werde.

Während Innenminister Hans-Joachim Grote (CDU) ankündigte, die Aufnahmeeinrichtung Boostedt werde um einige Jahre verlängert und schnellstmöglich zu einem „Kompetenzzentrum für Flüchtlinge“ ausgebaut, nahm Bürgermeister Hartmut König (ebenfalls CDU) die Anwesenheit der Landespolitik zum Anlass, um mehr Unterstützung einzufordern. König wörtlich: „Die Einrichtung wird im Dorf zunehmend wieder kritisch beäugt.“ Flüchtlingen müssten deutsche Werte und Vorschriften klarer vermittelt werden. Frauen etwa werde oft kein Respekt entgegengebracht. „Da hilft es dann auch nicht, auf das Grundrecht hinzuweisen“, sagte er. Zudem trügen Auseinandersetzungen in der Unterkunft nicht dazu bei, die Akzeptanz in der Bevölkerung zu steigern. Erst vor wenigen Tagen war es zu einer Massenschlägerei zwischen Somaliern und Jemeniten gekommen, bei der auch Eisenstangen eingesetzt wurden (der Courier berichtete). Boostedt sei weltoffen, aber „ein einfaches ‚Weiter so‘ kann es hier nicht geben“, so König, der seine Rede unter Tränen beendete.

Ungewohnt harsche Töne schlug auch der Flüchtlingsbeauftragte des Landes, Stefan Schmidt, an. Mit Blick auf die von der Bundesregierung geplanten Ankerzentren, in denen Asylbewerber bis zur Entscheidung ihres Antrages verbleiben sollen, ließ er kein gutes Haar an Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU). „Wer bis zu 1500 Personen über 18 Monate einpferchen will, der hat gefehlt, als das Hirn verteilt wurde“, sagte er. Der CDU Schleswig-Holstein empfahl Schmidt, sich von der bayerischen Schwesterpartei CSU deutlicher zu distanzieren. Innenminister Grote erklärte dazu, das Land werde sich zwar nicht an der Pilotphase der Ankerzentren beteiligen, aber auch nicht gegen Entscheidungen der Bundesregierung stellen. „Das liegt nicht in unserem Ermessen.“

Der Minister stellte zudem klar, dass mit dem Aufbau des Kompetenzzentrums auf die Mitarbeiter des Landesamtes mehr Arbeit zukomme. Integration stehe dabei im Vordergrund. Grote: „Ich verspreche Ihnen aber keine blühenden Landschaften.“

Als letzter Redner ergriff Nizar Al-Makkawi das Wort. Der 41-jährige ehemalige Parlamentsangestellte und Nationaltrainer der syrischen Schwimmmannschaft flüchtete 2015 aus Damaskus nach Deutschland. Er lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Neumünster. In gutem Deutsch berichtete der ehrenamtliche Dolmetscher nicht nur von den prägenden Ereignissen auf dem Weg nach Europa, sondern auch von Konflikten unter den verschiedenen Nationalitäten in den Landesunterkünften 2015 und 2016: „Das war wie zur Rush Hour in New York.“ Nach wie vor gebe es zu viele Hindernisse, kritisierte Al-Makkawi, der als Schwimmtrainer beim PSV Neumünster und im Verein Lichtblick tätig ist. „Bürokratie ist die Mauer, die der schnellen Integration im Weg steht. Aber wir werden kämpfen“, sagte er.

Am Ende fand die Veranstaltung aber doch einen versöhnlichen Abschluss. „Wir alle aus Syriern werden den Deutschen nie ihre Hilfe und Sympathie vergessen“, sagte Al-Makkawi.

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