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Flüchtlinge : „Boostedt ist ein sicherer Ort für meine Kinder und meinen Enkel“

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Zurzeit leben etwa 1900 Menschen in der Erstaufnahmestelle. Flüchtlinge berichten über ihren Alltag und die Heimat

Neumünster | Es ist Mittwoch, 10 Uhr vormittags. Heute sind 48 Menschen in der Erstaufnahme für Flüchtlinge in der ehemaligen Rantzau-Kaserne in Boostedt neu eingetroffen. Einige von ihnen sitzen in einem Gang vor einem Büro, sehen erschöpft aus und warten auf die Registrierung. Vor dem Backsteingebäude liegen ein paar Plastiktüten, vollgestopft mit Kleidung, oben drauf liegt ein Spielzeugauto. „Das ist alles, womit die Menschen hier ankommen“, sagt Maria von Glischinski. Sie ist die Leiterin des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) vor Ort.

Nach der Registrierung bekommen die Leute eine Stube in einem der 16 Wohngebäude zugeteilt. Auf dem Weg dorthin fällt auf, dass sich an einer Stelle viele Menschen sammeln und ihre Handys benutzen. „Hier gibt es W-Lan“, erklärt Maria von Glischinski. Das Telefon im schnellen Internet ist die einzige Verbindung nach Hause; für die Prepaid-Karten geben die Menschen ihr Taschengeld aus (siehe Kasten). „Viele haben die Telefone von zu Hause mitgebracht. Da sind Fotos drauf und oft auch Dokumente“, sagt sie.

Immer wieder gehen Flüchtlinge mit blauen Säcken über das Gelände und sammeln Müll. „Zweimal täglich halten wir die Menschen dazu an. Die meisten machen sich gerne nützlich, denn ihnen fehlt eine Aufgabe“, weiß die DRK-Betreuerin.

So machen die Geflüchteten auch ihre Zimmer selber sauber. Alkohol ist auf dem Gelände verboten. „Daher trinken die Menschen außerhalb“, erklärt sie. Rauchen ist erlaubt und für viele ein Ventil in dieser Extremsituation.

Viele Menschen sind auf dem Gelände unterwegs, dennoch ist die Atmosphäre ruhig und ohne Anspannung. Auch bei der Essensausgabe in der Kantine geht es gesittet zu. Schon lange vor 12 Uhr bilden sich lange Schlangen, grüppchenweise lässt ein Mann vom Wachpersonal die Leute in den Speisesaal. Jessica Bruna aus Neumünster befüllt und verteilt die Teller an der Ausgabe. „Manche schicken ihre Kinder mehrmals vorbei“, sagt sie. „Dabei gibt es genug für alle, jeder darf sich nachnehmen“, erklärt Magdalena Drywa, Pressesprecherin des Landesamts für Ausländerangelegenheiten. „Aber es gibt Ängste, es könnte nicht reichen“, sagt sie weiter und räumt ein, dass es hin und wieder schon zu Rangeleien gekommen ist.

Maria von Glischinski hat dagegen noch keine Gewalt in der Einrichtung erlebt oder davon gehört: „Ich weiß nicht, wo solche Infos herkommen.“ Sie sagt: „Wir arbeiten hier alle aus Überzeugung. Und die Asylsuchenden nehmen etwas mit von dem vernünftigen Umgang, den sie hier erleben.“

Auf den Punkt bringt es Mohamad* (24): „Viele wollen, aber nicht jeder kann sich an die Regeln halten, weil sie sie nicht kennen.“ Der junge Mann ist mit seinem Bruder Rayan (17) alleine aus der syrischen Stadt Aleppo geflohen. Er hatte dort ein Ingenieursstudium begonnen und ist seit 45 Tagen in Boostedt. „Wir wollen die Regeln gerne annehmen, denn wir sind hier Gäste.“ Er weiß, dass es Deutsche gibt, die sich vor Flüchtlingen fürchten. „Denen möchte ich sagen: ,Wir sind Opfer. Wir wollen Sicherheit und Frieden.’“ Mohamad lernt schon früh morgens Deutsch, geht zum Frühstück in die Kantine, lernt danach weiter. Dann hilft er beim Übersetzen. „Manchmal gehe ich in die Sporthalle oder fahre mit dem Rad nach Neumünster. Ich muss etwas tun“, sagt er.

Magdalena Drywa erklärt, dass es den Asylsuchenden erlaubt ist, sich unweit der Erstaufnahme aufzuhalten. Jeder bekommt auch einen Hausausweis, der auf Nachfrage an der Pforte vorgezeigt werden muss. Darin sind Name, Wohnhaus, absolvierte Sprachkurse und Erhalt von Taschengeld verzeichnet. Eine Schließzeit gibt es nicht in der Einrichtung, Ruhezeit ist allerdings ab 22 Uhr.

Eine Familie aus Damaskus, der Hauptstadt Syriens, lebt seit 16 Tagen in der Kaserne. Hanan, eine Mutter und Großmutter, berichtet, wie sie die Situation hier erlebt: „Boostedt ist ein sicherer Ort für meine Kinder und meinen Enkel, das ist das Wichtigste. Aber die Erinnerung holt mich ein.“ Sie weint. Die muslimische Frau verbirgt ihre schwarz gefärbten grauen Haare nicht unter einem Kopftuch. Sie war in Damaskus Lehrerin und hat sich um geflüchtete Palästinenser gekümmert. Auf ihrem Weg zur Arbeit wurde sie dann von Kämpfern des Islamischen Staats (IS) beschossen. Zwei Kugeln stecken bis heute in ihrem Bein, eine hat ihren Kopf nur knapp verfehlt. „Ich habe innerhalb einer Stunde beschlossen: Wir müssen fort.“ Sie haben niemandem etwas von ihren Fluchtplänen erzählt und alles verlassen, was ihnen vertraut war.

Ihr zwölfjähriger Enkel Muhammad spricht ebenfalls Englisch. Er erzählt, dass Kämpfer seine Schule gestürmt haben. „Ich will keine Angst mehr haben, wenn ich das Haus verlasse“, meint der aufgeweckte Junge mit den grauen Augen. Auf die Frage, was er vermisst, muss er sein Taschentuch ziehen und erzählt von seiner Mutter, die nicht mitkommen konnte, und von seinem Hund, der sich immer unter dem Tisch versteckte, wenn Bomben fielen. „Wir kommen in Frieden und wollen nicht dasselbe tun, was uns angetan worden ist“, sagt der Junge.

* Die Gesichter der meisten Flüchtlinge sind unkenntlich gemacht und die Namen abgekürzt worden, weil die Menschen sich um die Sicherheit ihrer Angehörigen in der Heimat sorgen.

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