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Messerattacke in Neumünster : Bluttat im Auto: Prozess hat begonnen

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Im Landgericht Kiel muss sich ein Mann (43) wegen versuchten Mordes verantworten. Er soll auf seine Ex-Freundin eingestochen haben.

shz.de von
erstellt am 23.Jan.2016 | 07:45 Uhr

Neumünster | Die Bluttat erschütterte im vergangenen Sommer Neumünster. Damals wurde eine Frau (37) an der Wasbeker Straße in ihrem eigenen Wagen bei einer Messerattacke fast totgestochen. Seit Freitag muss sich ihr ehemaliger Lebensgefährte (43), mit dem sie auch ein kleines Kind hat, vor dem Kieler Landgericht wegen versuchten Mordes verantworten.

Staatsanwalt Dr. Achim Hackethal legt dem türkischen Staatsbürger noch zahlreiche weitere Angriffe auf die zierliche Neumünsteranerin zur Last: Über Jahre scheint der Mann sein Opfer immer wieder brutal angegriffen, bedroht und drangsaliert zu haben. Auch eine Freundin der Frau, die helfen wollte, wurde demnach nicht verschont. Gestoppt wurde die Serie der Gewalt erst nach der letzten Tat, als der Mann in Untersuchungshaft kam.

Es war der 18. Juni vergangenen Jahres. Gegen 23.45 Uhr kam die Frau mit ihrem Auto nach Hause. Als sie vor ihrer Wohnung an der Wasbeker Straße 108 parkte, ahnte sie nicht, dass ihr Peiniger bereits wartete. Laut Anklage soll sich der kräftige Mann, der ebenfalls in Neumünster wohnte, damals hinter den Mülltonnen versteckt haben. „Mit dem Messer über dem Kopf rannte er auf das Auto zu, riss die Fahrertür auf und stach sofort hemmungslos mit einem Klappmesser auf sie ein“, schilderte der Staatsanwalt gestern. Passanten, die die verzweifelten Hilfeschreie des Opfers hörten, riefen die Polizei, konnten den Mann aber nicht stoppen. Erst einem Polizisten gelang es, den Angreifer von seinem schwer verletzen Opfer zu ziehen, so die Anklage. Die Frau drohte zu verbluten. Noch heute leidet sie an den Folgen, hat Schmerzen, Taubheitsgefühle und Angstattacken. Ihren Beruf als Altenpflegerin kann sie nicht mehr ausüben.

Hier ereignete sich die Bluttat: Ein abgestreuter Fleck erinnerte noch am nächsten Tag an das brutale Geschehen an der Wasbeker Straße.
Hier ereignete sich die Bluttat: Ein abgestreuter Fleck erinnerte noch am nächsten Tag an das brutale Geschehen an der Wasbeker Straße. Foto: Steinhausen
 

Die Tat kam nicht überraschend. Das zeigt die lange Liste mit brutalen Übergriffen deutlich, die der Staatsanwalt gestern verlas und die ebenfalls Teil der Anklage sind. Da ist bereits unter anderem von einem Messerangriff im Juni 2012 die Rede. Damals soll der Mann versucht haben, der zu dieser Zeit Schwangere in der Nähe des Tierparks ein Messer in den Bauch zu stechen. Ein anderes Mal attackierte er sie demnach, als sie zuhause gerade ihren kleinen Sohn stillen wollte. Dann trennte sich die Frau von ihrem Peiniger. Doch die Angriffe gingen offenbar weiter. Weder die Anzeigen bei der Polizei, die das Opfer nach Auskunft ihres Anwalts Gerhard Hillebrand immer wieder erstattete, noch ein gerichtlich angeordnetes Kontaktverbot, das dem Mann untersagte, sich der Frau auf weniger als 50 Meter zu nähern, schienen ihn zu beeindrucken.

Vier Monate vor der Messerattacke an der Wasbeker Straße griff er die Frau erneut an – in aller Öffentlichkeit. Sie war für einen ambulanten Pflegedienst gerade auf dem Weg zu einem Patienten, als er ihr am frühen Abend an der Anscharstraße auflauerte. „Er versuchte, ihr die Zähne rauszureißen, würgte sie, schlug ihren Kopf gegen die Hauswand, trat sie in Gesicht und Unterleib und brüllte ‚Ich bring' dich um!‘“, schilderte der Staatsanwalt. Einer Freundin der Frau, die sie aus Sicherheitsgründen oft begleitete, riss er laut Anklage die Ohrringe raus. Mehrere Besucher einer nahe gelegenen türkischen Teestube sahen damals einfach zu. Erst als andere Passanten einschritten, wurde der Rasende gestoppt. „Es hat in dieser Sache mittlerweile Verurteilungen wegen unterlassener Hilfeleistung gegeben“, erklärte Nebenklagevertreter Gerhard Hillebrand gestern am Rande des Prozesses noch immer entsetzt. Für ihn ist bereits diese Tat ein versuchtes Tötungsdelikt.

Der adretten, dunkelhaarigen Frau, die an dem Prozess als Nebenklägerin teilnimmt, war die Anspannung gestern deutlich anzusehen. Immer wieder zitterten ihre Hände. Der Vater ihres Sohnes verfolgte die Verlesung der Anklage schweigend. Ihm droht eine lebenslange Freiheitsstrafe. Ob er sich zu den Vorwürfen äußern wird, ist noch unklar. Der Prozess wird fortgesetzt.

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