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Tag des Denkmals : Blick hinter die Gefängnismauern

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

120 Besucher konnten gestern am Tag des Denkmals in die Justizvollzugsanstalt. Teile des Gebäudekomplexes sind denkmalgeschützt.

shz.de von
erstellt am 14.Sep.2015 | 10:00 Uhr

Neumünster | Normalerweise ist die Boostedter Straße 30 keine Adresse, zu der die Besucher strömen. Aber gestern war die Justizvollzugsanstalt (JVA) am Tag des offenen Denkmals ein gerne besuchter Ort. „Innerhalb einer Stunde waren die 120 Karten vergeben“, sagte die Anstaltsleiterin Yvonne Radetzki.

„Es ist wichtig, dass wir uns der Gesellschaft zeigen“, erklärte sie den Grund für die Teilnahme. Was viele nicht wissen: Teile des 1905 auf Erlass der preußischen Regierung errichteten Gebäudes sind vor zehn Jahren unter Denkmalschutz gestellt worden. So auch die ehemalige Gefängniskirche, deren einstiger Betsaal heute ein moderner Besuchsraum mit Cafeteria ist.

Gestern sammelten sich dort die Gäste und erfuhren von Dr. Berthold Köster vom Landesamt für Denkmalpflege viele Details über die handwerklichen und bautechnischen Besonderheiten des Gefängnisses. Zuvor sprach Justizministerin Anke Sporendonk und stellte die Ästhetik des Gebäudes heraus: „Und auch, wenn es sich um eine Justizvollzugsanstalt handelt, ist die Ausstrahlung dieses Denkmals evident“, sagte sie.

Überrascht zeigten sich viele der Gäste über den Besucherraum: Die Buntglasfenster der Kirche sind erhalten ebenso wie die aufwendigen Holzverzierungen der vertäfelten Decke. Der Denkmalschützer wies auf die „unglaublich tollen Zimmermannsarbeiten und kleinen Bildhauereien“ hin. Das Publikum konnte sich auch von der viel zitierten preußischen Genauigkeit ein Bild machen. In einem Buch aus dem Jahre 1915 war auf vergilbten Blättern von dem Bau eines Schemels bis zum Schwanenhalsschwung eines Geländers jeder Bauschritt skizzenhaft vorgegeben.

Nach dem Vortrag führte der Vollzugs-Abteilungsleiter Udo Ninow das gespannte Publikum durch die angeschlossenen, kreuzförmig angeordneten Flügel. Ganz anders als aus Fernsehkrimis bekannt, gab es hier keine Stahltüren mit einer kleinen Klappe. Die historischen Holztüren sind erhalten geblieben. Natürlich technisch auf dem neuesten Stand und verschlossen, aus sicherheits- und „datenschutzrechtlichen Gründen“, wie Udo Ninow erklärte. Das im gotischen Stil erbaute Backsteingebäude hat die Besucherin Hannelore Omnitz schon immer interessiert: „Das Gefängnis sieht von außen so spannend aus, ich wollte es unbedingt mal von Innen sehen. Ich glaube nicht, dass es viele Haftanstalten gibt, die so ansprechend sind.“

Ebenfalls denkmalgeschützt sind das Pförtnerhaus sowie das ehemalige „Weibergefängnis“. Seit 1925 sind in der Anstalt keine Frauen mehr untergebracht. Zurzeit gibt es knapp 600 Zellen, wegen Umbauten sitzen aber nur 403 Gefangene ein. Am häufigsten wurden Strafen wegen Diebstahls und Drogendelikten verhängt. Dreiviertel der Inhaftierten sind Deutsche, die Anderen stammen aus 35 Ländern, überwiegend aus der Türkei und Ex-Jugoslawien.

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