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Theater : Bizarre Typen und reizvolle Widersprüche

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

„Man spielt nicht mit der Liebe“ überzeugte 250 Zuschauer im Theater in der Stadthalle.

Neumünster | „Ich habe den Plan gefasst, meinen Sohn mit meiner Nichte zu verheiraten“ teilt der Baron zu Beginn des Schauspiels „Man spielt nicht mit der Liebe“ mit, das am Mittwochabend im Theater in der Stadthalle zu sehen war. Damit setzt er ein ebenso burlesk-komisches wie ernüchternd-tragisches Geschehen in Gang. „Meine beiden Kinder kommen gleichzeitig an“ (er von der Universität, sie von der Klosterschule), „meine Nichte Camille wird durch die Tür zur Linken, mein Sohn Perdican durch die zur Rechten eintreten: Es wird mir ein Fest sein zu sehen, wie sie einander ansprechen, was sie zueinander sagen werden.“

Damit ist die „Versuchsanordnung“ in Alfred de Mussets (1810-1857) Theaterstück beschrieben. Alle Mitwirkenden sind Teil eines Experiments, in dem de Musset 1834 – gerade schwer angeschlagen durch das Ende seiner Beziehung zu der Schriftstellerin George Sand – vorführt, was geschehen kann, wenn das Sprichwort „Man spielt nicht mit der Liebe“ auf den Kopf gestellt wird. Da fühlen sich zwei junge Menschen zu einander hingezogen, aber sagen können sie es sich nicht.

Stattdessen betreiben sie die Liebe wie ein Gesellschaftsspiel: Sie gehen aufeinander zu und stoßen sich wieder ab; sie zeigen echte Gefühle und verletzen umso mehr mit Worten; sie kommen aus der Falle, in die sie sich hineinmanövriert haben, nicht mehr heraus. Am Ende ist ein Bauernmädchen, das Perdican und Camille höchst unfair für ihr Spiel benutzt haben, tot. Und die Herzen des jungen Paares sind zerbrochen. Camille geht mit den Worten: „Leb wohl, Perdican!“

Eine komische Tragödie? Eine tragische Komödie? Irgendwie beides, denn auch die heiter-verspielten Szenen haben einen tragischem Unterton, und Skepsis und Melancholie schimmern durch scheinbar oberflächliches Geplänkel.

Diese reizvolle Ambivalenz in den Personen und in der Handlung bekam Regisseur Wolfram Apprich gut in den Griff; er setzte Komödiantik und Ernsthaftigkeit ohne (zu große) Übertreibungen hart, aber verträglich gegeneinander. Er wählte ein ruhiges Spieltempo, was zwar einige Längen erzeugte, aber insgesamt gut zum Text passte, genauso wie die Musikeinspielungen. Alle Personen hatten etwas Künstlich-Marionettenhaftes an sich, und die Bühne wirkte wie ein Puppentheater. Die Szenen, durch den „Kulissenschieber“ immer in die richtige Position gedreht, spielten abwechselnd vor einer romantischen Parklandschaft oder in einem kahlen Innenraum, in einer Bibliothek ohne Bücher (welch trauriger Anblick!) und ohne Geist.

Durch dieses Ambiente stolperten slapstickartig die „Spaßpersonen“, bizarre Typen mit nur einer hervorstechenden Eigenschaft: Ingeborg Losch gefiel als frustrierte Gouvernante Dame Pluche; Stefan Hufschmidt, der Baron, verzweifelte gekonnt daran, dass sein Hochzeitsplan nicht aufging; amüsant torkelte Uwe Kramer als versoffener Lehrer über die Bühne, und René Rollin, dem verfressenen Pfarrer, nahm man seinen ständigen Hunger ab, ebenso Deniz Ekenzi die Rolle des kommentierenden „Chors“.

Nicht so eindimensional waren die Hauptfiguren Perdican und Camille, und auch Rosette (Neele Frederike Maak) durfte ein paar individuelle Züge zeigen. Manja Haueis und Christian Simon (leider streckenweise zu leise) zeigten den Zuschauer ihre Zerrissenheit.

Man muss diese „Kinder“ ja nicht verstehen, aber dass sie den richtigen Weg ins Erwachsenenleben noch nicht gefunden haben, konnten beide gut vermitteln. Dem Team des Landestheaters applaudierten die nur rund 250 Besucher durchaus zustimmend.





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