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Historie : Bizarre Grüße aus dem „Russenlager“

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Heute vor 100 Jahren kamen die ersten Kriegsgefangenen in das Lager in Wasbek

Es ist ein kleiner, trauriger Jahrestag: Heute vor genau 100 Jahren trafen im Ersten Weltkrieg die ersten Kriegsgefangenen im Lager Wasbek ein. Lebendiges Zeugnis vom Leben in dieser Barackensiedlung, in der bis zum Herbst 1919 rund 3000 Menschen lebten, legen heute rund 50 Feldpostkarten eines deutschen Soldaten ab, die sich im Besitz des Wasbekers Stefan Fehring befinden.

Das Lager war am Ende der Bahnhofstraße, wo heute das Grundstück der Tierarztpraxis von Dr. Johannes Frahm ist. Dort gehörte der Feldsturmmann Jakob Höck 1915/16 zur Wachmannschaft. In seinen Postkarten berichtete er zumeist seiner Frau Käthe aus seinem Leben im Lager, das augenscheinlich selbst für die Aufseher nicht gerade üppig ausgestattet war. In kurzen Sätzen heißt es da zum Beispiel: „Mein herzig Lieb! Erhielt heute von Ingeborg ein Paket mit Wurst, Fleisch und Zunge und von Mutter ein Stück Butter. Heute Abend wird herrlich gelebt … Sonst nichts Neues, gesund und wohl grüßt und küsst Dich Dein liebender Jakob“.

Heute wirkt es bizarr, dass damals Postkarten mit Motiven eines Gefangenenlagers hergestellt wurden. Denn geschrieben sind all diese Zeilen auf Feldpostkarten mit Motiven, die die Essensausgabe und das Barackengelände zeigen. Auf vielen sind jedoch auch Gefangene und Personal zu sehen. Aufgenommen haben diese Bilder wohl der Lagerfotograf beziehungsweise der damals in Neumünster bekannte Fotograf Glindemann. Er fotografierte 1915 auch einen der ersten Transporte mit dem Datum des 23. März.

Stefan Fehring sammelt seit 25 Jahren alles zum Thema Wasbek, und diese Postkartengrüße fand er in einem Hamburger Antiquariat. „Eine Karte war in den Internetauktionen bei Ebay eingestellt. Ich habe dann Kontakt aufgenommen und letztlich den gesamten Fundus erworben“, erzählte er. In akribischer Kleinarbeit habe ihm dann ein Bekannter die Texte aus der Sütterlinschrift in die lateinische Schrift übersetzt. Einmalig sei die Soldatenpost auch, weil sie viele Informationen enthalte, die bisher über das sogenannte „Russenlager“ in Wasbek nicht bekannt waren. „Zum Beispiel schreibt Höck einmal über eine Russenschusterei, in der Stiefel repariert wurden. Dass es so eine Werkstatt gab, wussten wir bisher nicht“, erklärte Fehring.

Eine Auswahl der Postkarten des Landsturmmannes Jakob Höck wird Stefan Fehring jetzt im Rahmen der Ausstellung zum 888-jährigen Stadtjubiläum am 28. und 29. August in der Stadthalle erstmals öffentlich zeigen. „Und wer weiß, vielleicht ergeben sich daraus ja wieder neue Fakten zur Dorfgeschichte“, sagte der Wasbeker Sammler.

 

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erstellt am 23.Mär.2015 | 12:15 Uhr

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